Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- Heft 3 (März 1916)
- Date
- 1916-03-01
- Page
- Seite 144 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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144 *Jüdische Weltanschauung u. patriotische Geschichtsbetrachtung. der Chanukka-Hymne: ״Gott ist meine Hilfe; er war es, als Ägypten mich bedrückte, als ich den Kelch des Taumels getrunken hatte und beinahe in Babylon untergegangen wäre, als Griechen sich gegen mich erhoben.“ Hier fühlt sich also der einzelne nicht als Bestandteil eines Wir, sondern als Glied eines Ich, das unzerstörbar durch die Geschichte schreitet. Insofern hat das Märchen vom ewigen Juden seinen berech־־ tigten Kern. Diesem Einheitsbewußtsein, wie es stärker und wärmer nicht gedacht werden kann, entspricht die Geschichtsbetrachtung der biblischen Historiker. Sie suchen nicht den objektiven Tatbestand interesselos festzustellen, so wenig wie Plutarch und Carlyle; sie messen vielmehr die geschichtliche Erscheinung des Volkes an seiner Idee. Mit Hecht stehen ihre Schriften großenteils unter den prophetischen; sie sind allerdings rückwärts gewandte Propheten, aber im jüdischen Sinne des Wortes, in welchem es ja nicht Wahrsager, sondern Sprecher und Mahner bedeutet. Freilich steigt ihr Ton selten zur Höhe des prophetischen Pathos empor; aber die Liebe, mit der sie bei den frommen Königen und Sehern der Vorzeit verweilen, ist un verkennb ar. Und doch — wie wenig denken diese Geschichtsschreiber daran, durch willkürliche Weglassungen dem Bilde der Glaubenshelden einen unwahren Glanz zu geben! Während die römische Annalistik nach Belieben Heldentaten erdichtet und Niederlagen verschweigt, hebt die Bibel nicht nur Unglücksfälle, sondern, was hier weit mehr bedeuten will, auch die menschliehen Schwächen des Charakters der großen Männer mit voller Deutlichkeit hervor1). Merkwürdig genug, daß das Bild eines ist dies seltener; die Hauptsache ist, daß das Gemeinschaftsgefühl durch diesen Sprachgebrauch einen besonders innigen Ausdruck findet. ג) Der Talmud geht häufig noch einen Schritt weiter (Beispiele bei Hoff mann, S. 29 ff. dieses Jahrgangs unserer Zeitschrift), wenn auch nicht bestritten werden darf, daß einige Erklärer die Neigung zeigen, Schwächen biblischer Gestalten wenigstens in der midraschischen Behandlung, die freilich nie den Anspruch auf volle wissenschaftliche Geltung erhebt, zu beschönigen.