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Jeschurun · 1916-03-01 · Heft 3 (März 1916) · p. Seite 143

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
3 (1916)
Issue
Heft 3 (März 1916)
Date
1916-03-01
Page
Seite 143 (sequence 15)
Language
German
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Jüdische Weltanschauung u. patriotische Geschichtsbetrachtung. 143 Allerdings zeigt sie uns oft genug, daß das Gemein- Schaftsbewußtsein nicht immer im ganzen Israel gewaltet hat. Solange die große Masse des Volkes sich der unvergleichlichen Eigenart ihres Glaubens nicht bewußt war und deshalb in der Religion kein einigendes Band finden konnte, mußte jener jammervolle Kantönligeist herrschen, über den das Deboralied so bitter klagt. In der späteren Richter- und Königszeit hat dann zwar die Not einigend gewirkt; aber die Eifersucht zwischen Ephraim und Juda bestand weiter und ließ ein kräftiges Gemeinschaffcsbewußtsein nicht aufkommen. Anders war es bei den Vertretern des Glaubens. Für Psalmisten und Propheten ist die zersprengte und zerfahrene Volksmasse eine untrennbare Einheit, verbunden durch die gemeinsame Aufgabe, die Gott ihr gesetzt hat1). Israel ist Gottes Braut; und wenn eine Wahrheit in Nietzsches Wort steckt: ״Des Mannes Glück ist: ich will; — des Weibes Glück er will“, so kann nichts den Inhalt dieses bräutlichen Verhältnisses besser bezeichnen: die Erfüllung des göttlichen Willens bedeutet das Glück des Volkes. Unter diesem Ge־ sichtspunkt tritt der Unterschied der Stämme völlig zurück: nur die Unterscheidung zwischen einem unzerstörbaren Baumstamm und den abfallenden Blättern bleibt, solange der religiöse Gedanke nicht wenigstens als Aufgabe zum Gemeingut des Volkes geworden ist. Dies wird freilich erst nach dem Exil der Fall. Daher ist seitdem, unbeschadet der fortschreitenden geographischen Zersplitterung des jüdischen Volkes, das Bewußtsein der Einheit und die Liebe zur Gesamtheit von so ungeheurer Stärke. Beides findet seinen Ausdruck in der singularischen Bezeichnung dieser Volkseinheit2), etwa in ף Ganz ähnlich ist es in Griechenland, wo die Staatsmänner die politischen Eifersüchteleien, die Denker, Dichter und Künstler (z. T. auch der Kultus) das Bewußtsein der Volkseinheit gefördert haben. Es ist grundfalsch, wenn Joseph in seinem Buche ״Das Judentum am Scheidewege“ umgekehrt das religiöse Denken als Funktion des nationalen hat hinstellen wollen. *J Natürlich werden in der Bibel auch heidnische Völker (Edom, Moab u. a.) singularisch bezeichnet; i!» mittelalterlichen Schrifttum

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