Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- Heft 3 (März 1916)
- Date
- 1916-03-01
- Page
- Seite 142 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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142 Jüdische Weltanschauung u. patriotische Geschichtsbetrachtung. sondern Lüge1). Ebensowenig wie die Verschweigung dieser Tatsachen wäre die Entstellung des Charakterbildes führender Persönlichkeiten sittlich zulässig; die Liebe des Historikers zu seinem Vaterlande wird nur in der Form, mit welcher er an solche ihm peinliche Dinge denkt, zum Ausdruck kommen2). Freilich ist ein solch ,kritischer Patriotismus״ so selten, daß man überhaupt fragen möchte, ob er sich außerhalb der Köpfe abstrakter Denker irgendwo gefunden hat. Sicher sind die Schöpfer deutsch-vaterländischen Empfindens, Fichte und Jahn, nicht frei von jenen Übertreibungen des ״Teutschtums״, das in der köstlichen Baccalaureusszene (Faust II.) so manchen verdienten Seitenhieb abbekommt. Ob auch der antike Patriotismus ähnliche Fehler zeigt, kann hier nicht untersucht werden. Wohl aber gibt es ein leuchtendes, uns recht nahe liegendes Beispiel einer ebenso wahrhaften wie patriotischen Geschichtsbetrachtung in derjenigen der Bibel. ') Ich finde nachträglich den gleichen Gedanken in den Aushängebogen von F. Friedrich, Stoffe und Probleme des Geschichtsunterrichts in höheren Schulen, Teubner 1915: Nachdem wir den Patriotismus als Zweck des Geschichtsunterrichtes abgelehnt haben, wollen wir um so nachdrücklicher betonen, daß wir ihn bei jedem Geschichtslehrer als selbstverständliche Überzeugung voraussetzen. Furchtbare Schicksale haben uns gelehrt, daß die Liebe zu Volk und Vaterland keine heroische Schwachheit ist, sondern eine Naturnotwendigkeit. ... Es soll eine kritische Liebe sein (vom Vf. gesperrt), keine blinde Affenliebe, frei von flacher Selbstgefälligkeit und prahlerischem Dünkel . . . , eine Liebe, wie die gewissenhafter Eltern, die auch zürnen und strafen kann. 2) Eine besondere Betrachtung verdienen doch wohl gewisse überschwengliche Beurteilungen des eigenen Volkscharakters. Wenn das Wort■ Lagardes: ״Deutsch sein heißt eine Arbeit um ihrer selbst willen tun“ von einem so besonnenen Mann wie K. Bernhardt neuerdings wiederholt worden ist, so soll damit schwerlich eine ״wohlverdiente Zensur“ (vgl. auch F. Friedrich a. a. O.) ausgesprochen, sondern ein Ziel aufgestellt werden, zu dessen Erreichung nach der Meinung des Verfassers (über die sich allerdings streiten ließe) der Deutsche besonders geeignet sein soll. Ähnlich steht es mit der Behauptung der Zionisten, wir Juden seien eine Nation, die natürlich nicht besagen will, daß wir die Merkmale der Nation heute schon besitzen, sondern nur, daß wir geeignet und verpflichtet sind, sie zu erwerben. Man könnte solche Definitionen synthetisch nennen; sie hängen durchaus von Gefühlsbildern ab und sind von hoher Bedeutung.