Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- Heft 3 (März 1916)
- Date
- 1916-03-01
- Page
- Seite 141 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Jüdische Weltanschauung u. patriotische Geschichtsbetrachtung.!4! wir dachten an Bestimmteres: an die Fülle gemeinsamer wirtschaftlicher und geistiger Arbeit, die nun um ihren Lohn betrogen werden sollte, an die Wohltaten, die wir nun vergelten durften. Wer hätte damals denken wollen und dürfen daß viele unserer Wohltäter auch ihre menschlichen Schwächen hatten, und daß die deutsche Kultur, so gut wie jede andere, zweifellos der Vertiefung und Veredlung bedarf! Aber gerade wenn wir uns des persönlichen Ursprungs unseres Bildes bewußt sind, können, ja müssen wir volles Verständnis haben für die sittliche und natürliche Notwendigkeit, mit der bei unseren Feinden ein entsprechend geartetes Bild von ihrem Vaterlande erwächst. Nur dann entgehen wir dem Vorwurf der Ungerechtigkeit gegenüber dem Gegner; aber es scheint uns leichter, ihm gerecht zu werden, wenn wir in seiner Weise patriotisch fühlen, wie wenn wir jedes Gefühlsurteil verwerfen würden. Eine Überschreitung der Grenze, derart, daß das subjektive Bild als objektive Wahrheit ausgegeben wird, führt auch hier ins Gebiet der Illusion. Eine solche wäre es z. B., wenn man sich jetzt in Frankreich dem Werte deutscher Kultur verschließen und etwa Beethoven zum Franzosen stempeln1) und Wagner nicht mehr aufführen will, während doch bei uns Berlioz auch während des Krieges ohne Schaden für die vaterländische Gesinnung gespielt werden darf. Sehr bedenklich ist natürlich auch die Verbreitung wissentlich oder unwissentlich gefälschter Geschichtsbilder durch die Schule. Manches ist ja besser geworden. Wir haben z. B. als Schüler von dem Bündnisse des großen Kurfürsten mit Ludwig XIV. nach dem Frieden von St. Germain nichts erfahren dürfen; in den Lehrbüchern unserer Kinder wird es ruhig erwähnt. Man kann es ja bedauern, daß weder der große Kurfürst noch der große König deutsche Patrioten waren, und daß der Weg zum neuen Reich über die Leiche des alten führte; es zu bestreiten wäre nicht Patriotismus ף Übrigens ein hübsches Seitenstück zu gewissen Behauptungen unserer Rassenantisemiten.