Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- Heft 3 (März 1916)
- Date
- 1916-03-01
- Page
- Seite 140 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2292929-2292955-2292959--01268-2294520- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
140 Jüdische Weltanschauung u. patriotische (Geschichtsbetrachtung. der gemeinsamen Kulturgüter wurde es dem einzelnen möglieh, sieh als Glied des lebenden Staatsorganismus zu fühlen, dessen Lebenskraft auch ihn durchflutet; erst jetzt kann und muß er jeden Schlag, der dem Vaterland versetzt wird, auf seiner eigenen Wange spüren, jede vaterländische Errungenschaft zugleich als eine ihm zu statten kommende Wohltat und als Vorarbeit des eigenen Lebens Werkes empfinden. Erst jetzt also erzeugt sich ein Gefühl engsten Verbundenseins, gleichsam ein erweitertes Selbstgefühl1), dem Familiengefühl ähnlich, das in Gegenwart und Vergangenheit alles Große in dankbarer und stolzer Freude doppelt lebhaft empfindet. Im wesentlichen sind all die Bande, die den einzelnen mit der Gesamtheit verknüpfen, Schöpfungen der Not; und wenn sich in guten Zeiten manchmal die Empfindung dieses Zusammenhangs infolge von politischen Mißgriffen oder von Nörgelsucht trübt, so stellt die Not, sobald sie wiederkehrt die alte Beziehung rasch wieder her. Wenn mein Elternhaus brennt, so fühle ich, was es mir wert war: ich frage nicht, ob dieses oder jenes Zimmer altmodisch war; ich denke nur an alles Schöne, was es enthielt, an all die besonderen lieben Erinnerungen, die für mich in den Flammen unterzugehen drohen. So ging es uns, als das Vaterland in Not war; wir hatten nicht nur die Empfindung der Schillerschen Heldenjungfrau: Dies Reich soll fallen, dieses Land des Ruhms, Das schönste, das die ewige Sonne sieht, Auf ihrem Lauf, das Paradies der Länder; — ב) Näheres über dieses Zusammengehörigkeitsgefühl bei Lazarus, Leben der Seele I, S. 372 ff. Natürlich ist ein solcher Patriotismus, wie ich ihn hier meine, nur da möglich, wo wirkliche Bürgerrechte und -Pflichten bestehen. Der russische Jude hängt zwar an seinem sögenannten Vaterland viel lebhafter, als dieses es verdient; und der ״Pollak“ fühlt sich dem ״Litwok“ und dem ״Taatsch“ (deutsch) gegenüber verschieden; aber Heims&s- und Landschaftsgefühl erzeugen noch kein patriotisches Geschichtsbild. Anders verhält es sich mit dem Empfinden der elsässischen Juden in den siebziger und achtziger Jahren: die hatten in Frankreich ein Vaterland gehabt.