Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- Heft 3 (März 1916)
- Date
- 1916-03-01
- Page
- Seite 139 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Jüdische Weltanschauung 11. patriotische Geschichtsbetrachtung. 139 durch solche widerstrebenden Einwirkungen die Geschlossenheit seiner Weltbetrachtung und damit seiner Persönlichkeit zu verlieren. Es ist äußerst kindlich gedacht, wenn man meint, ein Feuer, das keinen Zug hat, durch recht starke Kohlenzufuhr neu anfachen und alle Zweifel mit dem Worte ״nur fleißig Talmud lernen, junger Acher“ heilen zu können. II. Diese — absichtlich über die Grenze des unbedingt Erforderlichen hinaus ausgedehnte—Voruntersuchung hat ergeben daß die Gefühlsvorstellung eine untrennbare Begleiterscheinung aller, namentlich auch der edelsten Gefühle und so lange von hohem Werte ist, wie sie sich ihres Ursprungs aus dem subjektiven Empfinden deutlich bewußt bleibt und die Grenzen beachtet, die ihr teils aus anderen Gefühlsbedürfnissen, teils aus der Pflicht der Wahrhaftigkeit erwachsen. Die Anwendung dieser Gedankengänge auf das patriotische Geschichtsbild ist nicht schwer, wenn auch nicht so einfach, wie es auf den ersten Blick erscheinen möchte. Zunächst: nicht jeder Patriotismus erzeugt ein Geschichtsbild. Denken wir an Schiller, der im letzten Jahrzehnt seines Schaffens mehrfach den Trieb zum Vaterlande als das heiligste der Bande gefeiert hat, sich aber der deutschen oder gar der württembergischen Geschichte gegenüber kaum befangen zeigt; er lobt gelegentlich deutsche Eidestreue oder schwäbische Tapferkeit, wie er ja aber auch dem Stolz des Spaniers und der herben Frömmigkeit des Puritaners gerecht wird. Seine Dichtung ist durchaus international. Schon Uhl and zeigt deutlich den Umschlag. Die große Zeit vor hundert Jahren begann mit der Schöpfung eines Zusammenhanges zwischen dem einzelnen und seinem Volke, indem sie da, wo ihre Tendenzen völlig durchdrangen, den Staat durch die Schulpflicht zum geistigen Vater seiner Bürger machte, durch die Wehrpflicht die Bürger einander gleichstellte als Schützer des Vaterlandes, durch die Wahlpflicht den einzelnen für die Politik des Landes mit verantwortlich machte. Erst durch diese Einrichtungen und durch die Pflege