Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- Heft 3 (März 1916)
- Date
- 1916-03-01
- Page
- Seite 138 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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138 Jüdische Weltanschauung u. patriotische Geschichtsbetrachtung. Interesse seiner Gesundheit Anspruch hat. Es mag töricht sein, Greisen oder moralischen Schwächlingen mehr mitzuteilen, als sie vertragen können; ״aber der Arzt, der in der ״Wildente“ das Glück der Menschen auf Lüge aufbauen will, denkt doch wahrlich nicht ״idealistisch“. Auf der Tatsache, daß das Gefühl in der Wirklichkeit bald Nährstoff, bald Hindernisse findet, beruhen gewisse Tat־ Sachen des religiösen Lebens. Der Fernerstehende wird nicht begreifen können, wie es kommt, daß ein so gar nicht pathetisches Werk wie der Talmud eine so ungeheure Gefühls־ glut hat erzeugen, so viele Tausende mit Märtyrermut hat er־ füllen können. In der Tat: wer sähe der kalten, schwarzen Kohle an, wieviel Wärmeeinheiten (Kalorien in der Sprache des Physikers) in ihr enthalten sind, ja, wie nötig die Flamme ihrer bedarf, um nicht an ihrer eigenen Glut zu sterben. Ge־ rade das Beispiel des Talmudlernens (oder etwa des philologischen Studiums der Renaissancezeit) zeigt die ungemein fruchtbare Wechselwirkung von Gefühl und Verstand: jenes hilft die kalte Masse zu verarbeiten und zu durchwärmen und macht auch für manche Werte scharfsichtig, die der objektivere Beobachter gar nicht gesehen haben würde; dieser führt ihm die Nahrung zu, ohne welche es — wie häufig erleben wir dies heute im# Judentum! — in leere Phrasen verfallen muß. Stößt aber die Flamme nicht auf Kohle, sondern auf Stein oder Wasser, so ist sie allerdings gefährdet, und zwar gerade bei edlen Naturen. Hieraus ergibt sich die schwierige, aber not־ wendige Aufgabe der Apologetik, die Auseinandersetzung, mit den unserem Gefühl zunächst anscheinend widerstrebenden Eindrücken, — schwierig, weil sie auf dem Terrain kämpffc, das der Feind ihr vorschreibt; notwendig, weil ohne sie nicht nur eine bestimmte Anschauung, sondern die Einheit der Welt־ anschauung überhaupt bedroht ist. Der Jüngling, der etwa für ein tiefes religiöses Empfinden in Tatsachen der Geschichte und im eigenen Erlebnis Stützen gefunden hat, dann aber durch die Bekanntschaft mit naturwissenschaftlichen Hypothesen auf andere Bahnen gelenkt zu werden droht, muß fürchten,