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Jeschurun · 1916-03-01 · Heft 3 (März 1916) · p. Seite 137

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
3 (1916)
Issue
Heft 3 (März 1916)
Date
1916-03-01
Page
Seite 137 (sequence 9)
Language
German
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Jüdische Weltanschauung u. patriotische Geschichtsbetrachtung. 137 weitere Grenze an der Pflicht der Wahrhaftigkeit. Wir haben etwa einen Freund gewonnen; wir glauben an ihn1); nun hören wir von ihm etwas Ungünstiges. Ein starkes Gefühl wird sich, solange es angeht, gegen das mit ihm Unverträgliehe sträuben; und wird es schließlich durch die Tatsachen überwältigt, so haben wir die Empfindung, mit dem Glauben an den Freund ein Stück von unserem Selbst verloren zu haben. So erträgt Wallenstein den Abfall Isolanis gleichmütig; bei der Nachricht von Octavios Verrat verhüllt er sein Haupt — wie Cäsar, als er den Dolch des Brutus sieht. Aber nur Eigensinn und Torheit kann den Tatsachen zum Trotz unbelehrbar bleiben. Daraus ergibt sich eine schwere Tragik, wenn das Verhalten der Eltern nicht nur die Kritik, sondern geradezu den Abscheu des Kindes herausfordert. Dann wird das Gefühl durch die Wirklichkeit nicht gestützt, sondern bedroht, ja oft in seiner letzten Tiefe vergiftet. So ergeht es etwa Elektra gegenüber ihrer ״stiefgewordenen Mutter“ im griechischen und im deutschen Drama. Noch ergreifender im Inhalt, wenn auch abstoßender in der Form ist eine Szene bei Gerhart Hauptmann (״Vor Sonnenaufgang“), in welcher ein junges Mädchen seinen Vater, einen ganz verwahrlosten Trunkenbold, frühmorgens aus dem Wirtshause kommen sieht und sich in kindlicher Pflicht seiner annehmen will, aber erfahren muß, daß vor seiner widrigen Umarmung nicht einmal die eigene Tochter sicher ist. Man kann verstehen, wenn eine Mutter ihrem Kinde in einem ähnlichen Falle die volle Wahrheit über den inzwischen verstorbenen Vater vorenthält; das kann berechtigte Schonung sein; es ist aber nicht, wie Ibsen in den ״Gespenstern“ uns glauben machen will, Idealismus, wenn eine Mutter ein verlogenes ״Idealbild“ des Vaters an Stelle des wirklichen Bildes setzt und dem Sohn Dinge verschweigt, auf deren Kenntnis er im *) Daß das hebräische ,אכלן glauben wörtlich einen Halt, eine Stütze finden bedeutet, zeigt jedenfalls, daß die Sprache zwischen dem ans der Persönlichkeit stammenden Gefühlsurteil und dem von der Wirklichkeit ihr auf gezwungenen objektiven Bild unterscheidet.

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