Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- Heft 3 (März 1916)
- Date
- 1916-03-01
- Page
- Seite 136 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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136 Jüdische Weltanschauung u. patriotische Geschichtsbetrachtung. wie in ältester Zeit fast immer, nur durch unpersönliche Klagelieder Ausdruck gibt. Offenbar hat unser Gefühl das Bedürfnis, nicht in freischwebender Stimmung zu verharren, sondern an der Wirklichkeit einen Anhalt zu finden und sich mit ihrer Hülfe seiner besonderen Art bewußt zu werden. So geht die Gefühlsvorstellung, wenn der Ausdruck erlaubt ist, aus der Sehnsucht unseres Empfindens nach Bestimmtheit, nach Wahrheit und Klarheit hervor; mit Illusion und Heuchelei ist dem Gefühl nicht gedient; wir finden eine Gelegenheitsrede um so schöner, je mehr charakteristische Züge sie in den Dienst des augenblicklichen Empfindens zu stellen weiß. Auch das Urteil der Familienmitglieder über einander ist da, wo ein Familienleben im Sinne des Judentums besteht, nie das Ergebnis objektiver Beobachtung; stets führt das Gefühl den Pinsel, um bald echte Gefühlsbilder, bald auch Hlusionen zu malen. Beide sind nicht immer leicht zu scheiden. Den Ausruf der dankbaren Söhne des salomonischen Biederweibes: ״Viele Frauen wirkten edel: du übertriffst sie alle״ wird niemand tadeln; gibt er sich doch nicht als das Ergehnis der Beobachtung, sondern als Ausdruck der Liebe, die an der Wirklichkeit Halt gesucht und gefunden hat. Bedenklicher wäre es, wenn ein Vater so von seiner Tochter spräche. Dann läge der Verdacht nahe, daß hier nur die Eitelkeit redet, die einfach das Unbequeme übersieht. Denn wenn der Spruchdichter meint, ״Liebe bedeckt alle Sünden“, so ist solche Liebe zwar im jüdischen Familienkreise nicht selten, aber nach Salomos Auffassung nicht die richtige: ״Wer die Hute spart, haßt seinen Sohn“. Echte Familienliebe ist eben untrennbar verbunden mit dem Wunsche, das Glück des jüngeren Familienmitgliedes nach Kräften zu fördern; dieser Wunsch macht für dessen Schwächen oft besonders scharfsichtig; darum wird der Vater sein Kind ״strafen um der Zukunft willen“ (Sprüche 19, 11); denn strafen heißt ja nach dem Worte des deutschen Dichters dem Jüngling wohltun, daßderMannunsdanke. Zieht sich also das Gefühl bei der Herstellung eines Bildes gewissermaßen selbst eine Schranke, so findet es eine