Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- Heft 3 (März 1916)
- Date
- 1916-03-01
- Page
- Seite 135 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdische Weltanschauung 11. patriotische Geschichtsbetrachtung. 135 Wie der Tod, erzeugt auch die Dankbarkeit ein befangenes Bild, und zwar um so sicherer, je edler der Empfänger der Wohltat ist. Nicht als ob wir uns über menschliche Schwächen des Wohltäters hinwegtäuschen sollten oder nur dürften. Wir empfinden aber die Wohltaten, weil sie eben uns erwiesen worden sind, derart lebhaft, daß wir die Nötigung fühlen, das Gute, das von dem Geber zu sagen ist, uns und anderen so deutlich wie möglich zu machen. Ein Unrecht gegen ihn erschiene uns doppelt schlimm; Max Piccolomini darf seinen Vater fragen, ob Wallenstein verdiene, ״daß wir, wir so unwürdig von ihm denken“ 1). — Auch hier hat die Gefühlsvorstellung einen Nachbar, mit dem sie nicht verwechselt werden darf, die Heuchelei. Kaum etwas ist so widerlich, wie wenn an einem offenen Grabe eine verlogene Rhetorik ihre armselig aufgeblasenen Flammen an Stelle der Himmelsglut echten Schmerzes zu setzen sucht. Es hat seine schweren Bedenken, wenn sich auch bei uns Juden mehr und mehr die Sitte einbürgert, bei jedem Begräbnis eine Rede halten zu lassen; es ist ein gar zu naiver Glaube, der Prediger müsse immer jenen wahren Schmerz fühlen können, der unwillkürlich — wie der geschickte Redner unter tausend Wortbildern die für seinen Zweck geeigneten zu wählen weiß — unter den zahlreichen Eigenschaften des Dahingegangenen diejenigen herausempfindet, die der Wehmut der Verwandten eine Stütze bieten können; und — ״wenn ihr’s nicht fühlt, ihr werdet’s nicht erjagen.“ Eher ließe sich fragen, wieso an offenem Grabe, auch bei bedeutenden Persönlichkeiten, das Bedürfnis nach einem gefühlsmäßig empfundenen Charakterbild2) sich ergeben hat, weshalb man also dem Schmerz nicht, ף Wenn die jüdische Ethik es als verdienstlich ansieht, jeden Menschen ״nach der günstigen Seite zn beurteilenדן לכן5 זכרת) ״), so liegt die Voraussetzung zugrunde, daß das Wohlwollen gegenüber den Mitmenschen, das sie fordert, notwendig zu milder Beurteilung führt. 2) Ich rede nicht vom Hesped, der eher auf dem Bedürfnis beruht, den eigenen Schmerz im Lichte des Bibel Wortes verklärt zu sehen, dem es daher nicht in erster Linie auf ein scharfes Charakterbild ankommt.