Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- Heft 3 (März 1916)
- Date
- 1916-03-01
- Page
- Seite 134 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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134 Jüdische Weltanschauung u. patriotische Geschichtsbetrachtung. trieben günstigen Bilde entgegenzuwirken; so entsteht die Bescheidenheit, die jedem Bewußtsein eigenen Verdienstes einen gewissen Verdacht entgegenbringt. Und auch nicht ieder Stolz wächst auf einem Holze mit der Dummheit; echtes Selbstgefühl, wie es Maria Stuart am Ende der Gartenszene in der Beurteilung ihrer eigenen Persönlichkeit zeigt, bedeutet vielleicht den schönsten Adel des Menschen; in gewissem Sinne sind nur die Lumpe bescheiden. Jeder Mensch braucht einen festen Punkt, von dem aus er auf die Welt wirken kann, mit dem Bedürfnis, einen solchen zu finden, betrachtet er sein Innenleben; er wäre entwurzelt, wenn dies Gemütsbedürfnis nicht an seinem Wollen und Können einen Halt fände. Daher ist echter Stolz und echte Bescheidenheit häufiger verbunden, als man zunächst für möglich halten möchte; ich denke wieder an Maria Stuart (im Schlußaufzuge) oder etwa an Kaiser Wilhelm I. Denn die Bescheidenheit entspringt dem Gefühl, nicht das geleistet zu haben, wozu man auf Grund der Selbsteinschätzung befähigt und verpflichtet wäre. Je höher ich mein Können schätze, desto höher die Aufgaben, nach denen ich streben soll; je sicherer ich meines Wertes bin, um so weniger laufe ich Gefahr, durch strenge Selbstkritik den Boden zu verlieren. Vollkommen deutlich wird die Abhängigkeit der Vor- Stellung vom Gefühl da, wo die Illusion ausgeschlossen ist: in der Beurteilung eines eben Verstorbenen, der uns besonders nahe stand. Mehr oder weniger gilt an jedem Grabe das Wort, das Goethe von seinem großen Freunde aussprach: ״Was Mitwelt sonst an ihm beklagt, getadelt, Es hat?s der Tod, es bat’s die Zeit geadelt.“ Nicht nur jüdischer Wortscherz stellt die Anfangsbuchstaben der drei Wochenabschnitte ״) אחרי מוח , קדושים ,אמורnach dem Tode“ — ״sprich“ — ״heilig“) zusammen; die Dichterin Ada Christen knüpft an die Beobachtung, daß der Jude seine Grabmäler nicht mit Kränzen schmückt, sondern mit Steinchen an ihnen weiterbaut, die Bemerkung: ״Von solchem Aberglauben sind wir Christen längst gereinigt; Denn wir kränzen die im Tode, die im Leben wir gesteinigt.“