Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- Heft 3 (März 1916)
- Date
- 1916-03-01
- Page
- Seite 132 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Ij2 Jüdische Weltanschauung u. patriotische Geschichtsbetrachtung. daß "die Frage nach dem Rechte des patriotischen Urteils gelöst werden kann. I. Während unsere Handlungen das Ergebnis unseres Willens sind, scheinen unsere Vorstellungen dem Willen vollständig entzogen zu sein. Wir hören und sehen täglich vieles, was wir nicht sehen möchten; wir können den Sieg nicht dadurch ermöglichen, daß wir ihn ersehnen. ״Sechs Diener hat der Mensch: Mund, Hand und Fuß sind ihm dienstbar; Auge, Ohr und Nase sind von ihm unabhängig1)״. Deswegen sind wir verantwortlich für das, was wir tun, nicht für das, was wir sehen und hören; die Zeit liegt hinter uns, da ein Bote fürchten mußte, für eine schlimme Nachricht bestraft zu werden. Unsere einzige Pflicht scheint darin zu liegen, die Bilder der Außenwelt möglichst treu und unter Fernhaltung jedes persönlichen Interesses wiederzugeben. Wäre das uneingeschränkt richtig, so müßten die Welt״ bilder aller Menschen, die in derselben Umgebung aufwachsen, einander sehr ähnlich sehen: es gäbe keine persönliche Färbung des Weltbildes. Und doch gibt es eine solche. Unter den Millionen Eindrücken, die wir empfangen, treffen wir ständig eine Auswahl, und zwar nach Maßgabe unserer Persönlichkeit. Wenn ich mehrere Reisende erzählen lasse, was sie in derselben Großstadt ״gesehen66 haben, so erkenne ich an ihren Berichten ihren Bildungsgrad, ihren Interessenkreis, kurz, ihre Persönlich* keit. Ich kann daher oft im guten wie im schlechten Sinne ihre Geistes- und Herzensbildung für ihre Bilder verantwortlich machen. — Der unvergeßliche Rabbiner Dr. M. Horovitz warf einmal die Frage auf, warum nach Numeri 14 die schlechten Kundschafter bestraft, die guten belohnt werden; berichten doch beide über die Vorzüge des heiligen Landes und über die Stärke seiner Bevölkerung etwa dasselbe. Die homiletische Antwort lautete: Die einen erklärten, das Land sei schön, aber die Bevölkerung sei so stark; die anderen: die Einwohner ג) Midrasch Rabba zu Gen. 27, 33 (§ 67).