Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1916-03-01 · Heft 3 (März 1916) · p. Seite 131

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
3 (1916)
Issue
Heft 3 (März 1916)
Date
1916-03-01
Page
Seite 131 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2292929-2292955-2292959--01259-2294511
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Jüdische Weltanschauung u. patriotische Geschichtsbetrachtung. 131 es scheint nur so. Das Geschichtsbild manches Sozialdemokraten und manches unpolitischen Rabbi ist gewiß nicht durch Liebe zum Yaterlande getrübt (ob das des ersteren deshalb ungetrübt ist, bleibe dahingestellt). Aber weder wird dieser die Geschichte seiner religiösen Richtung, noch jener diejenige der Arbeiterbewegung ohne Befangenheit erzählen können. So geht es uns allen. Irgendwo finden wir alle ein Wir, in welches unser Ich eingebettet ist; diesem Wir, seinem gegenwärtigen Wert und seiner Vergangenheit gegenüber, können wir nicht objektiv sein. Ja, wir wollen es gar nicht. Wir wollen uns nicht zum temperamentlosen Neutrum herabdrücken lassen und fühlen eine Wahrheit in dem Dichterwort: Des Mannes Größe sei Parteilichkeit. So erhebt sich ein schwerer Konflikt zwischen den Forderungen unserer jüdischen Weltanschauung und Not- Wendigkeiten des Gefühlslebens. Es scheint uns hier ähnlich zu gehen wie dem modernen Christen mit den Forderungen der Bergpredigt: die Erfüllung des Gebotes unbedingter Wahrhaffcigkeit und Gerechtigkeit erscheint uns nicht nur unmöglich, sondern nicht einmal unbedingt wünschenswert, da sie das kostbare Gut der Persönlichkeit zu gefährden scheint1). Gibt es aus diesem Zwiespalt einen Ausweg? Es scheint zunächst nicht. Die Gerechtigkeit ist verletzt, wenn man auch nur einen Finger breit von ihrem Wege ab weicht; der Vaterlandsliebe scheint erst Genüge zu geschehen, wenn man sich bewußt und entschieden zu einem einseitigen Bilde bekennt. Und doch müssen wir einen solchen Ausweg um so dringender wünschen, je weiter, wie wir sehen, das Feld reicht, auf welchem voreingenommene Urteile erwachsen. Unsere Untersuchung erweitert sich also notwendig zu einer Betrachtung des persönlich gefärbten Urteils, gleichviel wo es auffcritt. Ein Blick auf gewohnte Verhältnisse lehrt uns vielleicht, sein Wesen, sein Recht und seine Grenzen so weit zu erkennen, ף Tasso.IV 2: Töricht ist’s In allen Stücken billig sein, es beißt Sein eigen Selbst zerstören. 9

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.