Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- Heft 3 (März 1916)
- Date
- 1916-03-01
- Page
- Seite 130 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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130 Jüdische Weltanschauung u. patriotische Geschichtsbetrachtung. Volk, dann müsse die Menschheit mit ihm versinken, — so erhob man in Frankreich und namentlich in England denselben Anspruch, hüben und drüben mit verächtlichen Seitenblicken auf die gegnerische Kultur. Auch, die Geschichte des eigenen Volkes erschien nun in eigentümlicher Verklärung. Man ״erhebt das Auge zu den Bergen, von denen uns Hilfe kommt, zu den hohen Geistern der Vergangenheit, die unsichtbar unseren Kampf begleiten und segnen1״) und ist geneigt, wie das Bismarck- Jubiläum zeigte, die Größe der alten Helden deutlicher, ihre Schwächen schonender zu empfinden. Alle Völker arbeiten natürlich nach derselben Methode und kommen eben deshalb zu ganz abweichenden Ergebnissen; so bauen sich denn zwischen Volk und Volk unsichtbare Schützengräben auf, zwischen denen die erstickenden Gase hin und herwogen; über den Schlachtfeldern tobt, wie in der großen Hunnenschlacht, ein Kampf der Geister, der mit dem Friedensschluß nicht beendigt sein wird, vielmehr vom Katheder herab weiter geführt und in die Gemüter der Kinder und Jünglinge hineingetragen werden soll. Kann an der Unvernunft und dem Unrecht dieses Kampfes ein Zweifel sein? Es scheint nicht. Jedes Volk kann am anderen sehen, daß Liebe besticht; und ״Bestechung blendet den Sehenden, und legt Falschheit in den Mund des Gerechten״. Und wie ist solche offenbare Einseitigkeit vereinbar mit der Forderung des Judentums, daß ״Gerechtigkeit die Grundlage unseres Wollens und Handelns bilden soll, und Liebe nur gemäß der Gerechtigkeit2 ״)? Ist es vollends nicht der größte Frevel, Unwahrheit und Unrecht in Kinderherzen zu pflanzen? Und doch haben wir die Empfindung: wir können gar nicht anders als unserm Vaterlande gegenüber subjektiv urteilen und andere zu subjektivem Urteil anleiten. Wer kein Vaterland hat (und deren gibt es viele, trotz standesamtlicher Eintragung), scheint es darin besser zu haben als wir. Aber *) Meinecke, Weltbürgertum und Nationalstaat, Vorwort zur dritten Auflage 1915. י) Siehe Jahrgang 2 dieser Zeitschrift, S. 349.