Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1916)
- Date
- 1916-02-01
- Page
- Seite 125 (sequence 61)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Jeschiwoth in Rußland. 125 haupten; nachdem letzterer Odessa verlassen hatte, wurde anch seine Lehrweise aufgegeben. Allein auch die anderen Jeschiwoth werden in Zukunft ihre alte Gestalt nicht bewahren können, wenn auch die älteren Rabbiner den Anforderungen der Gemeinden so lange Widerstand zu leisten vermögen werden, als es Rabbiner vom neuen Typus noch nicht gibt. Unter diesen Umständen werden die reformlüsternen Gemeinden vorläufig nach geben müssen. Eine wach״ sende Gefahr aber droht dem alten Thorawesen von einer anderen Seite. Innerhalb ihrer Mauern vermag die Jeschiwa wohl den alten Thorageist zu wahren und in voller Reinheit zu erhalten — allein das Menschenmaterial muß ihr aus den weiten Volksschichten zufließen. Der Vater von heute ist aber nicht in gleichem Maße wie ehemals geneigt, seinen Sohn einer ״Thora ohne Sechora״, einem brotlosen Studium zu widmen. Die Thora aber bringt heute weder Gewinn noch Ehre. — Woher nun soll die Jeschiwa ihre Schüler holen? Diese Frage hat bereits vor dem Kriege unsere denkenden Kreise lebhaft beunruhigt. Nun ist dieser furchtbarste aller Kriege ausgebrochen. Die Jeschiwoth in Litauen und Gouvernement Kowno sind der Zerstörung anheimgefallen, ihre Schüler sind nach allen Windrichtungen zerstreut. Ist es aber angebracht, nach der Zukunft des Jeschiwoth in einer Zeit zu fragen, da die Zukunft unseres Volkes in Dunkel gehüllt ist? Was steht unserem Volke bevor? Wie wird sich seine nahe Zukunft gestalten? Wird aber Gott mit uns sein und uns die Kraft zur Überwindung der furchtbaren Krise verleiben, wenn alle Vertriebenen und nach allen Enden Rußlands Verschlagenen nach ihren Heimatsorten zurückgekehrt sein werden, — dann wird gewiß die erste Sorge dem Wiederaufbau der Jeschiwoth gelten. Die Jeschiwa ist in der schöpferischsten Epoche unseres Volkes entstanden. Mit dem Volke zog sie ins Exil und begleitete es auf seinen tausendjährigen Wanderungen. Sie blieb ihm treu in Zeiten des Glückes und der Not. In den Jahrtausenden ihres Bestehens hat sie nicht allein den Beweis für ihre Daseinsberechtigung erbracht, sondern auch eine gewal-