Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1916)
- Date
- 1916-02-01
- Page
- Seite 122 (sequence 58)
- Language
- German
- Belongs to
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122 Die Jeschiwoth in Rußland. der mit seiner gebeugten Gestalt und seinem düsteren Blick, mit seinem schüchternen Auftreten und armseligen Äußeren Mitleid einflößte. Der heutige Jeschiwajüngling ist sein eigener Herr, aufrecht und unbeugsam, voller Mut und Selbstachtung. Die Scheu vor einem ״ספר פסול״ vor profaner Bildung ist dahin. Der J eschiwajünger liest die neuere Literatur, erwirbt Welt- und Lebenskenntnis und weiß Spreu von Korn zu scheiden. Sein Selbstbewußtsein tritt auch in seinem Verhältnis zur modernen Kultur zutage. Man sieht es dem heutigen בן ישיבה auf den ersten Blick an, daß man es mit einem geistig entwickelten, vertrauenswürdigen und aufrechten Menschen zu tun habe, der Urteilskraft besitzt und widerstandstähig ist. Unter den heutigen Jeschiwabesuchern sind Jünglinge jeden Alters anzutreffen, Zwanzig- und Dreißigjährige sowohl, wie auch Zehn- und Achtjährige. Das gegenseitige Verhältnis ist das ungetrübter Liebe und Brüderlichkeit. Der ältere sieht in dem jüngeren seinen Bruder. Das Zusammenleben in der Jeschiwa gleichtüberhaupt dem von Landsleuten in der Fremde. — Erkrankt ein Jünger, so lassen ihm die Kollegen die rührendste Pflege angedeihen. Es gilt in solchen Fällen keine Ausnahme und kein Ansehen der Person, der Größte dient dem Geringsten. Ist für einen die Stunde der Not angebrochen, so vereinigen sich alle im Gebet für sein Wohlergehen. Bei freudigen Anlassen, wie der Vermählung und Berufung zum Rabbiner, ist die Teilnahme allgemein. Das freudige Ereignis wird dann durch Veranstaltung einer besonderen Feier und Entsendung einer Abordnung gefeiert. Gewöhnlich weilt der Jüngling in der Jeschiwa bis zur Vermählung; manche finden sogar nachher den Weg zur Jeschiwa zurück. Häufig wird jede Ferienreise und jeder Elternbesueh während der Feiertage unterlassen, so daß der junge Mann oft bis fünfzehn Jahre ununterbrochen in der Jeschiwa verbleibt. In Slobodka gilt der Brauch, daß die später zu Rabbinerämtern berufenen Jeschiwajünger jedes Jahr im Monat Elul der Jeschiwa einen Besuch abstatten. — Bewundernswert ist das geradezu ehrfürchtige Verhalten der Ortseinwohner den Thorajüngern gegenüber. Als ich vor