Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1916)
- Date
- 1916-02-01
- Page
- Seite 120 (sequence 56)
- Language
- German
- Belongs to
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120 Die Jeschi wo th in Rußland. unterschied zwischen Woloschin und Slobodka angedeutet. Woloschin wurde in einer Zeit geschaffen, als das Judentum noch den ganzen Daseinskreis des Juden erfüllte und den allgemeinen Lebensformen sein Gepräge aufdrückte. Das Talmud- Studium allein war es, dem die Gefahr der Vernachlässigung infolge allgemeiner Hinneigung zum chassidischen Mystizismus drohte. Die gesamte Lebensordnung war jüdisch, jüdisch war das Kulturleben, die jüdischen Volksmassen führten das in sich selbst und nach außen hin völlig abgeschlossene Leben eines national-kulturellen Organismus. Kam der 'Woloschinjünger nach seinem Heimatsort, so fand er dort ein voll entwickeltes jüdisches Milieu, eine ihm zusagende geistig-sittliche Atmosphäre. Wollte nun unser Thorajünger sich der Thorapflege widmen, Talmud-, Mischnajoth- und ähnliche Vereine gründen, so fand er in der Gesellschaft Stütze und Rückhalt, er konnte der Förderung durch die gesamte jüdische Gemeinschaft gewiß sein. Woloschin hatte bloß die Aufgabe eines ״ Lehrhaus es* (beiläufig bemerkt: Rabbi Chajim nannte seine Jeschiwa "בית אולפנא,,) eines Gelehrten-Sammelpunktes zu erfüllen, aus dem die Bannerträger des Talmuds und des talmudisehe» Judentums hervorgingen. Woloschin war der Mittelpunkt, dessen Peripherie die gesamte jüdische Welt bildete. Mehr als eines Mittelpunktes bedurfte es nicht. Die Chassidim deren Streben darauf ausging, den Schwerpunkt des religiösen Lebens vom Talmud nach der Kabbala zu verschieben, stellten sich diesem Thorazentrum entgegen. — Anders verhält es sich um den Jeschiwatypus von Slobodka. Slobodka entstand, als der Mittelpunkt seine Wirkung auf die Peripherie längst eingebüßt hatte, als das allgemeine Volksleben immer ärmer an jüdischem Gehalt wurde. Die Thorajünger entbehrten nunmehr eines ihrem geistigsittlichen Charakter und ihren idealen Bestrebungen gemäße» Milieus. Der in seinen Heimatsort zurückgekehrte Jeschiwajüngling mußte sich einsam und isoliert fühlen; nicht allein, daß er kein fruchtbares Wirkungsgebiet fand, er bedurfte sogar selbst eines Rückhaltes, um vor den zersetzenden Einwirkungen