Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1916-02-01 · Heft 2 (Februar 1916) · p. Seite 111

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
3 (1916)
Issue
Heft 2 (Februar 1916)
Date
1916-02-01
Page
Seite 111 (sequence 47)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2292929-2292955-2292958--01238-2294489
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Die Jeschiwoth in Rußland. III nicht. Noch war jedes jüdische Herz von echter Thoraliebe erfüllt. Es bedurfte nur der Anregung und Weckung, und diese Wirkung ging in höchstem Maße vom neuen Thorazentrum aus. Dieser Zustand währte im großen und ganzen bis um die zweite Hälfte des vergangenen Jahrhunderts. Dann ers?tand dem Thorastudium ein bei weitem gefährlicherer Feind in der Gestalt der aufstrebenden Haskalabewegung, die von Deutschland über Galizien in Rußland einzudringen begann. Im Jahre 1848 wurde der erste Versuch zur Gründung eines ״Rabbiner-Seminars“ in Wilna gemacht, dessen Aufgabe darin bestehen sollte, im Geiste der Haskala erzogene Rabbiner hervorzubringen, die sich dann der ״Aufklärungsarbeit“ in weitem Umfange widmen sollten. Um nun der neuen Anstalt Achtung und Sympathie zu verschaffen und ihre Zoglinge des religiösen Eabbineramtes als würdig erscheinen zu lassen, war es erforderlich, daß an seine Spitze eine anerkannte rabbinische Autorität berufen werde. Kein geringerer als Rabbi Israel Salanter war dazu ausersehen, der neuen Gründung als geistiges Haupt vorzustehen. Ein diesbezüglieber Ruf erging an ihn tatsächlich seitens der russischen Regierung. Allein Rabbi Israel Salanter, der von der neuen ihm zugedaehten ,.Würde“ begreiflicher Weise nichts wissen wollte, entzog sich dem Liebeswerben durch eine heimliche Flucht nach Kowno. Nun wurde die Leitung des ״Seminars״ Männern aus den Haskalakreisen anvertraut. Aber die Zoglinge dieses Seminars, die auf die alte Rabbinerwürde Anspruch erhoben, wurden vom Volk völlig ignoriert. Die frischgebackenen ״Rabbiner“, die in der Haskalametamorphose über Nacht aus dem altehrwürdigen Typus eines frommen und gelehrten Raws in die neue Gestalt eines arrogant auftretenden ״Beamten“ schlüpften, dessen ganzes Gebaren dem Volke alsein Verrat an seinen heiligsten Gütern und Renegatentum erscheinen mußte, — diesen neuen ״Rabbanim“ konnte das Volk keine Anerkennung gewähren. Das ex officio geschaffene ״Seminar“ verschwand bald. Doch die Haskalabewegung gewann

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.