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Jeschurun · 1916-02-01 · Heft 2 (Februar 1916) · p. Seite 108

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
3 (1916)
Issue
Heft 2 (Februar 1916)
Date
1916-02-01
Page
Seite 108 (sequence 44)
Language
German
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108 Die Jeschi woth in Rußland. Volk nach Misekna und Halacha ־and Agada Begehr; jetzt, da die Pruta selten geworden ist und uns die Knechtung krank gemacht hatte, möchten wir nur 310ch Worte des Segens und des Trostes vernehmen״. Der Chassidismus ist in einer schweren Stunde entstanden, als die ..Pruta selten wurde״ und das Joch der ״Knechtung“ schwer auf unserem Volke lastete. In seiner Niedergeschlagenheit bedurfte der Jude der Verheißung und des Trostes, die verstandsmäßige Halacha vermochte dieses Bedürfnis nicht zu befriedigen. Da kam der Chassidismus mit seinem mystischen Zauber und überirdischen Glanz und erlöste ihn von jeglichem irdischen Leid. In jene intellegible Welt (״עולם האצילות״) reichte der Arm des Feindes nicht, dort war Leid in Freude, Fluch in Segen verwandelt. So war der Chassidismus in seiner ersten Blütezeit einem durchaus natürlichen und darum berechtigten seelischen Bedürfnis entsprungen, einem Bedürfnis, dem sonst keine Befriedigung werden konnte. Er war — man darf es getrost behaupten — die rettende Zuflucht für das in den gefahrvollen Stürmen jener Zeit im Lebensmeer treibende Schifflein des jüdischen Geisteslebens. Allein früh genug hat der Chassidismus sich ins Uferlose verloren. Unbefriedigt von einer bescheideneren Rolle, strebte er danach, das gesamte religiös-geistige Leben zu beherrschen. Worauf der Chassidismus nunmehr hinausging, war nicht weniger als das Bestreben, die Erbschaft des talmudischen Judentums anzutreten. Der Gaon von Wilna, dieser große Kämpfer für die Überlieferung, für das geschiehtliehe Judentum, erblickte in der neuen Richtung eine Gefahr1) für den Bestand dieses Judentums. Dem geschichtlichen Judentum ist der logische Geist immanent. Seine logische Kraft ב) Der Verfasser dieses Aufsatzes will damit keineswegs ein persünliches Urteil abgeben, sondern ausschließlich die Auffassung des Gaon begründen. Der Chassidismus hat sich in der neueren jüdische» Geschichte als eine Stärkung des jüdischen Geistes erwiesen. Das Talmud Studium selbst erfährt durch viele Chassidimrabbis, namentlieh durch die Rabbis von Gora und Ljubawitsch, eine große Fürderung.

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