Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1916)
- Date
- 1916-02-01
- Page
- Seite 104 (sequence 40)
- Language
- German
- Belongs to
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104 Lebensanscnairung in Ibsens ״Kaiser u. Galiläer“. Als später in der Beschwörnngsscene Maximos Tänzerinnen nnd Flötenspieler anftreten läßt und Julian zuruft: «Sieh, sieh, dort die schönen Glieder im Spiel!“ und der Prinz sich verwundert, daß er in diesem Sinnentaumei die Stunde der Verheißang begehen soll, ruft ihm der Mystiker zu: ״Die Sünde ist nur in Deinem Sehen des Sündigen.“ Auch dieser Spruch ist, selbst wenn er an seiner Stelle im Drama vielleicht nicht die Bedeutung hat, als ein Charakteristikum des ersten Reiches anzusehen, in dem es nur eine subjektive Sünde gibt, weil das eigene Gefühl entscheidet, was schön ist und daher nur das immer individuell verschiedene Gefühl das Häßliche als Sünde erkennt. 2. Die objektive Sünde konnte erst durch eine Offenbarung der Menschheit werden und mit dieser Offenbarung entstand das zweite Reich. Hier triumphiert der Inhalt über die Form, der Geist über das Gefühl, das Gute über das Schöne. Und nicht der eigene V>rille entscheidet, was gut ist, sondern der Platz, den jede Handlung in der Entwicklung der gesamten Menschheit einnimmt. In diesem Reiche heißt es: ״Unrecht leiden ist besser, denn Unrecht tun.״ Das Leben gehört nicht mehr dem einzelnen, sondern hat nur Wert im Zusammenhang mit der umgebenden Welt in dem Wirken für sie. Der Egoismus muß dem Altruismus weichen. Und diese Forderung greift überall hemmend ein. So ruft Julian aus: 0״, er ist ent־ setzlieh, dieser rätselvolle — dieser schonungslose Gottmensch! Überall; wo ich vorwärts wollte, trat er mir groß und streng in den Weg mit seiner unbedingten, unerbittlichen Forderung.“ Daher sind die Anhänger dieser Lehre ״hohläugig“, ״bleichwangig“, ״verzagt״ und ״unbrauchbar“ zu großen Taten. Und die Schuld gibt Julian dem Dualismus von Körper und Geist, die einander bekämpfen und nie Frieden schließen können. Der Geist kann nur auf Kosten des Gefühls siegen, und in diesem Reich der Wahrheit soll er siegen. Julian sehnt sich darum zurück zum Hellenentum. Als es ihm aber nicht gelingt, dieses zu beleben, deutet ihm Maximos den Gruud seines Mißerfolges an: ״Du hast den