Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1916-02-01 · Heft 2 (Februar 1916) · p. Seite 96

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
3 (1916)
Issue
Heft 2 (Februar 1916)
Date
1916-02-01
Page
Seite 96 (sequence 32)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2292929-2292955-2292958--01223-2294474
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

96 Welt- 11. Lebensanschauung in Ibsens ״Kaiser u. Galiläer“. von starker Wirkung auf die Hörer ist. Die jetzt viel besuchte und besprochene Aufführung von Ibsens ״Kaiser und Galiläer“ in Berlin dürfen wir wohl zum Anlaß nehmen, die dort ״gepredigte“ Welt- und Lebensanschauung vom jüdischen Standpunkt aus zu beleuchten. Im Bahmen dieses Aufsatzes können wir natürlich nur einen kleinen Ausschnitt geben. Der rechte Stoff für ein Drama ergibt sich eigentlich nur dort, wo es sich um einen Willenskonflikt handelt. Mag nun der Wille zweier Charaktere miteinander kämpfen oder im Herzen eines einzelnen der Streit zwischen Wunsch und Willen toben, immer ist der Konflikt der Lebensnerv des Dramas. Selbst die Definition des Dramas, die verlangt, daß eine große Aufgabe auf die Schultern eines Menschen gelegt wird, der zu schwach ist, sie zu lösen, besagt nichts Anderes. Hier kämpft der Wille gegen die übergroßen Hemmungen, die das Schicksal ihm in den Weg wirft, oder gegen den Mangel an Kraft, die Hemmungen zu überwinden. Schiller, Goethe und auch die Nachfolger der Bomantiker und Schicksalstragöden haben sich nicht damit begnügt, einen solchen Konflikt psvschologisch zu vertiefen und zu begründen und mit dem Schmuck der dichterischen Kraft auszustatten, sie haben auch eine Idee im Drama betont, ohne Schaden für seinen Wert im Allgemeinen, aber gewiß nicht zur Hebung der künstlerischen Wirkung. Besonders kränkeln in künstlerischer Beziehung Ibsens Dramen an der Idee; und doch ist sie es gerade, die ihnen die große Bedeutung gibt. Die Gesamtheit der Ibseüschen Dramen bildet ein Ganzes, das eine eigene Auffassung von Welt und Leben enthält. Die Form des Philosophierens fehlt nur dem Ausdruck, vielleicht auch die strenge logische Konsequenz dem Inhalt dieser Philosophie. Am umfassendsten von allen Werken Ibsens gibt ״Kaiser und Galiläer“ seine Anschauungen wieder, wozu es auch durch seinen historischen Inhalt am meisten geeignet ist.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.