Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1916)
- Date
- 1916-02-01
- Page
- Seite 94 (sequence 30)
- Language
- German
- Belongs to
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94 Deutschland und die Ostjudenfrage. und Gefühlswelt des Ostjudentums, sind Ostjuden jeden Standes und jeder Bildungsstufe täglich Gäste in meines Vaters und in meinem Hause gewesen. Viele haben Monate, manche Jahre hindurch täglich bei mir geweilt. Ich glaube ihre Tugenden und Schwächen zu kennen und. soweit es einem Menschen möglich ist, ihre Gesinnungen und ihre Bestrebungen erfaßt zu haben. Meine Kenntnis habe ich mir wirklich nicht im Kaffeehaus, im Lesezimmer oder in der VereinsvTersammlung angeeignet. Und doch komme ich mir so lächerlich vor. daß ich es versucht, diese Welt mit ein paar Federstrichen zu skizzieren, erscheint es mir als eine ungeheure Anmaßung, der Wortführer einer Bevölkerungsschicht zu sein, in der soviel wahre Kultur, soviel Geist, soviel Wissen ist. Und darum ist mein letztes Wort an die, welche es angeht: Man höre die Ostjuden selbst! Der Druck der früheren Regierung, der Mangel an Organisation, das Fehlen einer rechten Gemeindeverwaltung, der Umstand, daß die sozial hochstehenden, wirtschaftlich gut gestellten und gebildeten Elemente freiwillig oder unfreiwillig den Russen gefolgt sind, hat die Reihen der berufenen Vertreter gelichtet. Aber auch jetzt sind in den okkupierten Ländern Männer zu finden, die wissen, was ihren Brüdern nottut. Freilich, eins darf dabei nicht vergessen werden, daß gerade den Gesetzestreuen dadurch, daß die Autoritäten unter den Rabbinern das Studium fremder Sprachen vernachlässigt haben, rein äußerlich die Verständigung mit der deutschen Verwaltung erschwert ist. Es wäre ein bitteres Unrecht, wenn sie auf Grund dieses rein äußerlichen Momentes in den Hintergrund gedrängt würden. Hier müssen die Gesetzestreuen Deutschlands die Vermittelung übernehmen. Sie sind ja nicht mehr als Dolmetscher der ureigensten Wünsche jener Vertreter der großen Masse des Ostjudentums. Die deutsche Regierung soll alle hören. Dann mag sie selbst entscheiden. Diese Entscheidung wird letzten Endes Gott leiten — man darf doch auf diesen Blättern noch den lieben Gott erwähnen? In der jüdischen Presse sind wir seinem Namen bei