Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1916)
- Date
- 1916-02-01
- Page
- Seite 93 (sequence 29)
- Language
- German
- Belongs to
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Deutschland und die Ostjudenfrage. 93 wollen, nur eine kleine Gefolgschaft hinter sich. In ihren Kreisen selbst sind andere Stimmen laut geworden. Ich möchte hier nur ein Beispiel bringen, das wie jedes Beispiel nichts beweist, aber die gegnerische Anschauung hell beleuchtet. Ein Vorkämpfer der jüdisch-liberalen Bewegung, einer der Rabbiner, welcher die bekannten ״Richtlinien“ nicht nur unterzeichnet, sondern sie mit radikaler Betonung verfochten, hat nicht nur privatim, sondern in der Sitzung der .,Jüdisch- Osmanischen Gesellschaft“ erzählt, wie sehr er umgelernt. Daß die Ostjuden im wesentlichen bleiben wie sie sind, darauf beruhe, meinte er, die Zukunft des Judentums. Für diese liberalen Juden bedeutet die in ihren Heimatsländern vorbleibende Masse der überlieferungstreuen Juden im Osten ein Doppeltes. Ein Schutz gegen die Überflutung der westeuropäischen Judenheit durch Menschen, die anders sind als sie. Denn diese Westeuropäer wollen bleiben, was sie sind, liberale Juden, und in ihrem Denken und Handeln, in ihrer Betätigung in der Gemeindeverwaltung, von den Fremden nicht beeinflußt und rnajorisiert werden. Aber das Ostjuden־ tum soll zugleich der Jungbrunnen sein, aus dem für die durch Abfall und völlige Assimilierung verloren gehenden Eiemente neue Kraft dem westeuropäischen Judentum zuströmt. Das sollte ausgesprochen werden. Vielleicht findet das Wort bei diesem und jenem doch eine gute Statt. Ich habe mich schwer dazu entschlossen, zur Ostjudenfrage das Wort zu nehmen. Der beste Beweis dafür ist, daß es so spät geschieht. Aber nachdem die jüdische Presse fast überhaupt kein anderes Thema mehr kennt und auch die nichtjüdische Presse davon widerhallt, wäre es doch zu seltsam erschienen, wenn diese Blätter kein Wort darüber hätten verlauten lassen. Ich bin nicht ״viermal mit der Bahn durch das europäisehe Rußland gefahren“, nicht ein einziges Mal. Aber seit vierundeinhalb Jahrzehnten lebe und webe ich in der Gedanken״