Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1916)
- Date
- 1916-02-01
- Page
- Seite 89 (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
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Deutschland und die Ost^udenfrage. 89 fremd ist. Es wäre nützlich, wenn überall bei den Verwaltungen wie es ja G. s. d. an einzelnen Stellen der Fall ist, ein Beirat vorhanden wäre, der sie unterrichten könnte. Wahrlich, ebenso sehr im deutschen Interesse wie in dem der Juden! Und noch eins: Soll das jüdische Haus eine Stätte echter Religiosität und rechter Sitte sein, dann darf nicht die Not in ihrer furchtbarsten Gestalt dort zu Gaste sein. Die national־ ökonomische Weisheit, daß die Not die M/utter des Verbrechens ist, daß mit dem Steigen der Korn preise die Vergehen gegen das Eigentum und die Verstöße gegen die Sittlichkeit sich mehren, ist eine uralte. Schon Salomo hat es ausgesprochen (Prov. 30.7 — 9), daß aus der Armut die gleiche Gefahr der Religion und Sittlichkeit droht, wie aus dem Reichtum. Alle Nachrichten aus Litauen melden nun übereinstimmend, daß unsere Soldaten und Offiziere je nach ihrem Charakter anerkennend oder mißbilligend von der Unnahbarkeit der jüdischen Mädchen reden. X>ie beispiellose Not aber der Bevölkerung in der jetzigen Zeit, der Umstand, daß die kleinen Geschwister vor dem Hungertode stehen, sind eine furchtbare Versuchung für das mitleidige Herz einer Schwester.die nach dem Beispiel der Szonja in Dostojewskis ..Schuld und Sühne״ ihrer Familie das Opfer dessen schuldig .zu sein glaubt, was ihr höher steht als das eigene Leben. Vor dieser Not die jüdische Bevölkerung ebenso wie die der anderen Völkerschaften zu schützen, alles zu vermeiden, was sie noch vergrößert, nicht Gesetze zu erlassen, die noch so gut gemeint sind, aber oft mit einem Schlage die Erwerbsmöglichkeit ganzer Städte unterbinden, das muß eine wichtige Sorge der deutschen Regierung sein. Und auch hierfür müssen ihr jüdische Berater zur Seite stehen. Ach, es ist ja nur die Not, die hier — wie sonst in der Diaspora allzu leicht erworbener Reichtum— die unsympathischen Züge an diesen Menschen gezeitigt hat. Das ist schon tausende Male gesagt worden, aber es muß immer wieder hinausgeschrieen werden, sonst vergessen es sogar die eigenen Glaubensgenossen. Mit dem Auf hören der Not wird sich freilich der Teil der Alten über Nacht nicht wandeln, die ein ganzes Leben im