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Jeschurun · 1916-02-01 · Heft 2 (Februar 1916) · p. Seite 88

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
3 (1916)
Issue
Heft 2 (Februar 1916)
Date
1916-02-01
Page
Seite 88 (sequence 24)
Language
German
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88 Deutschland und die Ostjudenfrage. Die Gefahr, daß sie allzu lange ,.im Dunkel“ bleiben, ist bei einer deutschen Verwaltung recht gering. Auch die Kinder des Cheder sind nicht vom Hause losgelöst, sie vielleicht noch weniger als irgend ein anderes Schulkind. Auch hier, oder besser hier mehr als sonst, ist die erfolgreiche Erziehung nur gegeben, wenn Schule und Haus sich die Hand reichen. Will man die Kinder religiös und sittlieh erzogen sehen, sollen sie aus der ihnen angestammten Religion die Kraft für ein rechtes, dem Staate zuträgliches Wirken schöpfen, dann dürfen die Eltern nicht gezwungen werden, das Religionsgesetz, das ihnen bisher heilig war, zu brechen. Die russische Regierung, die doch sonst ihre lieben Juden nicht verwöhnte, hat ihnen im allgemeinen die Möglichkeit der religiösen Pflichterfüllung nicht erschwert. Der Russe hat — wie fern auch das Judentum dem griechisch-orthodoxen Glauben steht — Verständnis für die völlige Hingabe des Menschen an seinen Gott, er begreift, daß dem Menschen das Gebot seines Gottes, wie er es erfaßt, sein Ein und Alles ist. Der Protestantismus ist im Kampfe gegen die ״Werkheiligkeit“ in der Religion erstarkt und wenn nun Einer nicht bibelkundig ist — und wer wäre das von unsern Verwaltungsbeamten hinsichtlich des Pentateuch? — so steht er völlig fassungslos vor den Schwierigkeiten, die ihm bei dem Verkehr mit den Ostjuden und deren Treue zum Religionsgesetz erwächst. Gewöhnt, etwa die Sonntagsruhe als eine soziale Einrichtung anzusehen, die je nach Bedarf auf eine Reihe von Stunden beschränkt oder ganz aufgehoben werden kann, hält er die Sabbatruhe des Juden für eine ähnliche Institution. Und er weiß nicht, daß er, wenn er eine Fabrik am Sabbat regelmäßig zu arbeiten gezwungen oder einen Wochenmarkt auf den Sabbat verlegt und dies nicht unter dem bitteren Zwang der Kriegsnot geschehen, sondern ohne jeden Grund geübt werden muß, — daß er damit Hunderte von Menschen religiös entwurzelt hat. Trotz Oxenstierna’s Wort: das Regieren ist nicht leicht. Und nun gar einer Bevölkerung gegenüber, die Ei asm Wesens-

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