Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1916)
- Date
- 1916-02-01
- Page
- Seite 87 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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Deutschland und die Ostjudenfrage. 87 machen und die große Fülle von Kräften, die in dieser Bevölkerung schlummert, in die rechte Bahn lenken. Aber die fertigen Menschen muß sie nehmen, wie sie sind, 1and durch Gewaltmaßregeln und durch Ungerechtigkeit wird sie nicht mehr erreichen, als daß sie das Chaos noch vergrößert, das der russische Absolutismus zurückgelassen. Die Ostjuden bilden eine Millionenbevölkerung, in der mit Ausnahme des Bauernstandes, den zu bilden ihnen die Gesetze des Staates versagten, alle Stände und alle Berufe, alle sozialen Schichten und alle Parteien vertreten sind. Großkaufleute und Kleinhändler, Handwerker und Fabrikarbeiter, Konservative und Liberale. Sozialisten und Anarchisten. Das Jahr 1905 bedeutet einen besonders starken Einschnitt. Die reifere Jugend hat da in viel höherem Maße, als es in anderen Ländern und vor allem unter den Ostjuden üblich war, die Achtung vor der elterlichen Autorität verloren. Sie ist mit dem Wort, das sich bei ihr, der die tiefen Begriffe fehlen, noch viel eher einstellt als bei einer nach erprobten Methoden gebildeten Jugend, schnell fertig. Um ihre Seele reißt sich nun noch das Assimilantentum, der Nationalismus in allen möglichen Gewandungen, der Radikalismus der intellektuellen und politischen Richtungen. Es wird keine leichte Arbeit sein, dies Ungestüm in das rechte Bett zu lenken. Und die Gefahr ist nicht von der Hand zu weisen, daß ein großes Bildungsproletariat ersteht — denn Proletariat muß es zum großen Teil nach menschlicher Voraussicht bleiben. Oder was ebenso schlimm ist, wir bekommen eine Bevölkerungsschicht Halbgebildeter, die selbst für ein ökonomisch geordnetes Staatswesen ein Unglück sind, wie erst für ein Land, in dem die zukünftige wirtschaftliche Lage der Einzelnen noch so ganz im Dunkel liegt. Wer es mit diesen Menschen, mit dem Judentum und mit der Aufgabe Deutschlands gut meint, der kann nur wünschen, daß die Kinder, die nach seinen Wünschen zu bilden noch in der Eltern und in des Staates Hand liegt, vor dem plötzliehen Wechsel bewahrt bleiben, daß das Wachstum sich mit der Langsamkeit, die dem Organismus zuträglich ist, vollzieht.