Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1916)
- Date
- 1916-02-01
- Page
- Seite 83 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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Deutschland und die Ostjudenfrage. 83 Es ist durchaus unangebracht, wenn Leute, die nicht daran denken, für sich und ihre Kinder auf die Segnungen moderner Kindererziehung zu verzichten, aus Parteirücksichten oder aus romantischen Neigungen sich für den Cheder sans phrase begeistern. In dem Cheder ist oft die Jugend um ihr Kinderglück betrogen worden. Viele wohlwollende und fromme Beurteiler dieser Zustände, die mit dem ganzen Herzen noch auf dem Boden des überlieferten Judentums stehen und nicht um Haaresbreite abweichen möchten von den Sitten und Bräuchen der Vorzeit, die alle im Ostjudentum den lebendigen Quell sehen, aus dem das Judentum der ganzen "Welt allein die verjungende Kraft zu schöpfen vermag, sie haben mit scharfen Worten die Unvernunft getadelt, die sich an ihrer Jugend vergriffen. Wir Juden haben früher und mehr als irgend ein Volt die Pflicht zur geistigen Erziehung als eine heilige und allgemein verpflichtende erkannt und beobachtet, wir haben ein ganzes Volk zu einem Volke des Buches gemacht, wir dürfen um so eher zugestehen, daß es Jahrhunderte gegeben hat, in denen wir in der Anwendung der rechten Mittel der Pädagogik zurückgeblieben sind. Wir haben keinen Comenius und Pestalozzi, keinen Herbart und Dingelstädt hervorgebracht. Das ist in den Kreisen des Ostjudentums selbst empfunden worden, und unübersehbar ist die Literatur darü ber in jüdischen Monatsschriften, Wochen- und Tages blättern des Ostens. Es ist auch schon außerordentlich viel in dieser Hinsicht geschehen und unter einer Verwaltung, welche die berufenen gesetzestreuen Kenner des Ostens heranzieht, werden Mittel und Wege gefunden werden, alle äußerlichen Mängel zu heben und, was nur die neuzeitliche Pädagogik an Hilfsmitteln bietet, in den Dienst der Sache zu stellen. Das im einzelnen anzugeben, kann hier nicht unsere Aufgabe sein. Wir haben nur die Idee des Chederunterrichtes näher zu entwickeln und zu zeigen, wie ihr Ziel erreicht werden kann, ohne daß die ebenso notwendige Vorbereitung 6*