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Jeschurun · 1916-02-01 · Heft 2 (Februar 1916) · p. Seite 82

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
3 (1916)
Issue
Heft 2 (Februar 1916)
Date
1916-02-01
Page
Seite 82 (sequence 18)
Language
German
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82 Deutschland und die Ostjudenfrage. müssen. Es wird nur darauf ankommen, daß diese Kultur so wirkt, daß das Judentum siek organisch seinem eigenen Wesen entsprechend entfaltet und nicht durch übereilte, übertriebene und unangemessene Einwirkung in der Treibhaushitze eine Mißbildung entsteht. Bei Karl Emil Franzos — in dessen Werken manch nachdenkliches Wort über die Behandlung fremder Nationalitäten steht — kommt einmal die schöne Stelle vor: ״An Germanisation denke ich dabei wahrlich nicht. Germanisieren, das ist ein undeutsches Wort für ein undeutsches Tun. Wer sein eigenes Volkstum liebt, wird auch dies höchste Gut niemand anderem rauben wollen. Ich denke hier nur an die Verbreitung deutscher Kultur, und zwischen solchem Tun und dem Germanisieren gähnt eine unausfüllbare Kluft, die Kluft, die das Werk des Segens von dem Verbrechen trennt. — Man kennt die Sage vom Magnetberg, in dessen Nähe alle Schiffe klaglieh scheitern, w~eil er ihre Eisenteile an sich zieht. Als ein solcher Magnetberg erscheint allen Völkern des Ostens das Deutsche Reich, und mit größtem Mißtrauen beobachten sie dah er die Deutschen, die in ihrer Mitte wohnen. Aber uns ist im Osten eine andere schönere Aufgabe zuteil geworden. Bleiben wir bei dem eben gebrauchten Bilde, so mag die deutsche Bildung der Magnet sein, der durch die Berührung im fremden, toten Stalil gleichfalls die geheimnisvoll schlummernde Kraft weckt, so daß er selber zum Magnet wird. Das Kulturstreben unter jenen Völkern zu wecken und zu fördern, ihrer nationalen Kultur der Stab zu sein, an dem sie sich auf ranken kann — das ist die Aufgabe des Deutschtums im Osten. Einen solchen Magnet wird für die Ostjuden, sobald sie mit ihr in Berührung kommen, die deutsche Kultur, vor allem die deutsche Sprache bilden, und es ist ganz zwecklos, sich dieser Entwickelung entgegenzustemmen. Aber alle Kraft muß darauf verwandt werden, den Juden ihre Religion und ihr Wissen von ihrer Religion in dem Umfange, wie es jetzt der Fall ist, zu wahren. Das ist eine schwere, aber keine unmögliche Aufgabe. Wir sprachen oben vom Cheder, und daß jede zukünftige Volksschule unter den Ostjuden an die Institution des Cheder wird ankniipfen müssen. Freilich nur an die Idee des Cheder, nicht an seine Form. Diese Form ist lange Zeit hindurch sehr unvollkommen gewesen und an vielen Stellen noch heute.

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