Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1916)
- Date
- 1916-02-01
- Page
- Seite 81 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Deutschland und die Ostjudenfrage. 81 Herz gewachsen. Wenn sie dazu mißbraucht wird, das in den Staub zu ziehen, was ihm als heilig gilt, wenn die Resultate der radikalsten und völlig unjüdischen Ideengänge in ihr verbreitet werden, so fühlt er sich nur noch in höherem Maße abgestoßen, wenn er dies in einer Sprache liest, vor deren Worten er immer eine besondere Ehrfurcht hegt. Und nun gar das Jiddische! Schreiber dieses hat mit Entzücken schon zu einer Zeit die ergreifenden Lieder ״des Mamme-Loschenu gesungen, als vielleicht die Väter jener westeuropäischen Jünglinge, die jetzt für seine Erhaltung kämpfen, noch in den Windeln lagen. Aber daß das Jiddische um des Judentums willen vor dem Untergang bewahrt werden müsse, das kann er nur als eine Naivität eines völlig weltfremden Chassid belächeln oder als eine aus parteipolitischenZwecken verkündete Lehre bezeichnen. Wenn hier auf parteipolitische Ziele angespielt wird, so soll die subjektive Ehrlichkeit ihrer Verfechter nicht im geringsten angetastet werden. Ich bin der festen Überzeugung, daß jene Vorkämpfer es mit der Erhaltung des Judentums so aufrichtig meinen, wie nur irgend einer von uns. Es liegt mir auch durchaus die Absicht fern, den Freunden des Jiddisch in den Rücken zu fallen, ich freue mich, daß die deutsche Verwaltung so einsichtig ist, dem Jiddisch seine Existenz zu wahren und zu erleichtern. Ich würde es für sinnlos halten, die Kinder, deren Muttersprache das Jiddisch ist, nun ohne jeden Übergang nur in rein deutscher Sprache unterrichten zu lassen. Mich stört nur. daß die Kraft, die auf einen Punkt gesammelt werden müßte, in zweckloser Arbeit verzettelt wird, daß aus einer Frage der reinen Zweckmäßigkeit eine Prinzipienfrage gemacht wird. Denn wer zweifelt daran, daß, falls eine so überragende Kultur wie die deutsche dauernd im Lande Einfluß gewinnt, diese Kultur auch die Juden unweigerlich in ihren Bann ziehen wird. Und daß die Juden selbst, sollen sie sich ökonomisch, behaupten — und das ist doch schließlich die Vorbedingung des Lebens überhaupt — diese Kultur auf sich einwirken lassen ü