Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1916)
- Date
- 1916-02-01
- Page
- Seite 77 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2292929-2292955-2292958--01204-2294455- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Deutschland und die Ostjudenfrage. 77 Aus Ciiamberlains ..Grundlagen des XIX. JahrhundertsK ist zwar diese Antithese bekannt. Sie ist sogar zu einem modernen Schlagwort geworden. Aber sie wird nur einseitig in dem Sinne verwandt, daß die Zivilisation die Vorstufe der Kultur ist. daß man sich recht wohl alle Errungenschaften der Zivilisation aneignen könne, ohne wahre Kultur zu besitzen. I>ie Beherrschung aller möglichen Kenntnisse, die Benutzung aller Erzeugnisse einer raffinierten Technik machen den zivilisierten noch nicht zu einem Kulturmenschen. Aber die Umkehrung, daß es Kulturmenschen gibt ohne eine nach westeuropäischem Maßstabe ausreichende Zivilisation, die hat keiner ausgesprochen. Und doch haben wir in der Masse der Ostjuden die Verwirklichung. Es ist noch ein weiter Weg von der Zivilisation zur Kultur, dafür erbringen viele Völkerschaften den Beweis, und der Weltkrieg hat ja mit erschreckender Deutlichkeit gezeigt, wie wenig die Kultur bei noch so weit verbreiteter Zivilisation unter den Menschen Wurzel geschlagen hat. Aber kinderleichtist der Weg von der Kultur zur Zivilisation. Kur so erklärt es sich, daß die Juden unmittelbar nach der Emanzipation und noch heutzutage mit Riesenschritten den Sprung aus dem Ghetto zu einer Zivilisation gemacht, die den größten Ansprüchen genügt. Aber noch ein weiteres: Es wird übersehen, daß Zivilisation im wesentlichen materialer. Kultur formaler Natur ist. Was die einzelnen Kulturvölker für die Gesamtkultur der Menschheit bedeuten, liegt nicht so sehr im Inhalt dessen, um das sie den geistigen und ethischen Besitz der Menschheit bereichert haben, als in der Art, wie sie es getan. Der Inhalt wird bald Allgemeinbesitz der Menschheit, aber die Bedeutung eines jeden Kulturvolkes beruht doch vor allem darauf, daß ihm eine besondere Eigenart zuteil geworden, wie es an den geistigen und ethischen Werten der Menschheit mitschafft, wie es sie verarbeitet und weitergibt. Wenn ein Volk diese Eigenart einbüßt, so mag es noch so viel der Menschheit geschenkt haben, seinen Anspruch auf die Erhaltung hat es verwirkt. In diesem Sinne ist das Ostjudentum ein Kulturvolk wie nur irgend eines der westeuropäischen. In ihm hat sich die Eigen-