Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1916)
- Date
- 1916-02-01
- Page
- Seite 76 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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76 Deutschland und die Ostjudenfrage. Dieser Familienvater gehörte, wie mir mein Gewährsmann erzählt, zu den ״Chassidim“. Ich hätte auf einen ״Misnagid“ geraten, weil eine solche Hingabe an die Erfüllung eines biblischen Gebotes, die durch irgendwelche gefühlsmäßige Betätigungen des Gottesdienstes nicht ersetzt werden könne, mehr der Sinnesart dieser Richtung entspricht. Ein Beweis, wie selbst der wirklich Kundige irregehen kann und wie wenig der Unterschied bis in die Wurzel der religiösen Gesinnung reicht. Fassen wir zusammen: Wir haben aus den Werken eines Mannes, der die Völkerschaften Osteuropas zu schildern zu seiner Lebensaufgabe gemacht, bewiesen, daß den Ostjuden im Durchschnitt eine große Herzensbildung eigen ist, daß ihnen wertvolle Charaktereigenschaften zugesprochen werden müssen, daß sie intellektuell auf einer hohen Stufe stehen, und daß sie ihr Leben in den Dienst einer Idee stellen, in die des unverbriichlichen Gehorsams gegen das Religionsgesetz. Genügt das. um ihnen den Rang eines Kulturvolkes zuzusprechen und damit die zu Anfang aufgestellte Forderung zu begründen, daß diese Kultur unangetastet bleiben müsse? Genügt das, um die Ostjuden mindestens auf die gleiche Stufe zu stellen, wie ihre Umgebung: die Russen, Polen, Ruthenen, Esthen u. a.? Für uns ist die Frage schon seltsam. Aber wir wollen uns bescheiden und gar nicht von einer höheren Stufe, sondern nur von dem gleichen Anrecht des Ostjudentums auf die Erhaltung seiner Kultur reden. Wir verhehlen uns nicht, daß wir bei dem Versuch dieses Nachweises einen schweren Stand haben, weil dem gebildeten Westeuropäer, dem selbst seine eigene Religion nur eine Angelegenheit für Feiertagsstunden ist, das Verständnis für die kulturelle Macht religiöser Grundanschauungen und Übungen, die noch jetzt das Leben gewisser Menschen mit derselben Kraft beherrschen wie vor Jahrtausenden, als sie der Welt offenbart wurden — weil ihm jedes Verständnis hierfür abgeht. Vor allem fehlt dem modernen Menschen die rechte Erkenntnis von dem Gegensatz zwischen Kultur und Zivilisation.