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Jeschurun · 1916-02-01 · Heft 2 (Februar 1916) · p. Seite 75

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
3 (1916)
Issue
Heft 2 (Februar 1916)
Date
1916-02-01
Page
Seite 75 (sequence 11)
Language
German
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Deutschland und die Ostjudenfrage. wm 75 nämlich nur in ihrem äußeren Gebaren und in ihren Anschauungen sehr verschieden, in der Hingabe an das Religionsgesetz sind sie eines Sinnes und Willens. Wie schwer es selbst den wohlwollenden außenstehenden Beurteilern werden muß, sich in die Seele dieser Menschen zu versetzen, mag ein Vorfall, den ich jetzt von einem Augenzeugen, der als Urlauber hier weilt, gehört habe, illustrieren. Er war in St. im Quartier bei einer kinderreichen Familie, die so ärmlich sich ernährte, daß es eben nur vor dem Verhungern schützte. Das letzte Pferd wurde bei ihnen requiriert. Mein Gewährsmann konnte durch den Hinweis, daß es sich um blutarme Leute handelte, durchsetzen, daß ihnen das Pferd zurückgegeben wurde. Am Sabbat Mittag kommt der Adjutant ins Haus. Da stand auf dem Tisch: Wein, Barches. Fisch und Fleisch. Wollen wir es dem Adjutanten verargen, daß er meinem Gewährsmann gegenüber entrüstet bemerkte: ״Und das nennen Sie blutarme Leute? Er konnte im besten Falle an das Huhn denken, das nach Heinrich IV. jeder Bauer Sonntags im Topfe haben sollte. Kann man ihm klar machen, daß es sich da um den Kiddusch-Wein handelte und um לחם משנה um Forderungen des jüdischen Religionsgesetzes, daß die ganze Familie die Woche hindurch gehungert hat, um das zum Sabbat beschaffen zu können, und daß sich hier nicht eine unter diesen Verhältnissen unangebrachte Schlemmerei abspielte, ־ sondern die Erfüllung von Pflichten, aus der die Familie die seelische, ja die physische Kraft schöpfte, die ungeheure Not zu überstehen?! Was hätte er erst gesagt, wenn er gehört, daß derselbe Familienvater einige Monate vorher sich aufgemacht, um für den letzten Rest seines Vermögens für 50 Rubel, sage und schreibe fünfzig Rubel, sich einen Esrog zu beschaffen, damit er das biblische Gebot Lev. 23, 40 erfüllen könne, ״Ihr sollt euch am ersten Tage (des Laubhüttenfestes) eine Frucht nehmen vom Prachtbaume usw.“ Das alles ist dem Kenner der Verhältnisse nicht fremd und wenn es auch nicht völlig zu verallgemeinern ist, so ist es doch typisch.

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