Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1916)
- Date
- 1916-02-01
- Page
- Seite 74 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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74 Deutschland und die Ostjudenfrage. wilde phantastische Fanatiker, die zwischen grausamer Askese und üppiger Schwelgerei seltsam hin und her schwanken. Sie halten sich — daher ihr Name — für die *Begnadeten" unter den Juden, weil ihnen andere tiefere Quellen der Offenbarung fließen, jene der Kaballa (sic!), namentlich des Buches ״Sohar“. In Buczacz hingegen wohnen ״Misnagdim“, harte nüchterne Leute, die vor allem die Bibel ehren, den Talmud aber nur insoweit, als er die Bibel erläutert, wie denn überhaupt die Geltung dieses Konservationslexikons bei keiner Sekte eine bindende ist, ja nicht einmal sein kann, weil es nicht viele Fragen gibt, über die der Talmud nicht sehr viele verschiedene Ansichten enthielte. Praktische, kühle Menschen, leben die Misnagdim schlecht und recht den Gesetzen ihres Glaubens nach, halten aber die zehn Gebote für wichtiger als alles andere, erklären sich die Wunder in möglichst natürlicher Art, sind jedoch im übrigen jeder überflüssigen Grübelei abgeneigt . . . Die gleiche Frömmigkeit und der gleiche Druck von außen machen freilich diese Verschiedenheit dem flüchtigen Blick unkenntlich; der Pole oder B-uthene merkt es kaum, daß in Buczacz eine andere geistige Atmosphäre herrscht als in den übrigen Städtchen des Kreises. Der Kundige kann ihn freilich nicht übersehen.“ .,Der Kundige“ Franzos spottet seiner selbst und weiß nicht wie. Der wirklich Kundige findet in diesen wenigen Sätzen drei Schnitzer. Aber das Wesentliche des Unterschiedes hat Franzos erkannt. Nüchternheit im Denken, Fühlen, Wollen und Handeln auf der einen Seite und Phantastik in all diesem auf der anderen, ist das charakteristische Merkmal jener beiden Gruppen1). Freilich ist die ״Nüchternheit“ der Misnagdim gemessen an der der westeuropäischen Juden eine lodernde Flamme. Was für ihr ganzes Leben das Judentum ist, was die Befolgung der Religionsgesetze, was das Studium des Talmuds, davon haben selbst die wenigsten gesetzestreuen Juden in Deutschland eine Vorstellung; das den liberalen Juden Deutschlands klar machen zu wollen oder gar den Nichtjuden, denen der Gedanke von der unverbrüchlichen Verpflichtung des Religionsgesetzes fremd ist, ist ein vergebliches Bemühen. Die beiden Gruppen der Chassidim und Misnagdim sind x) Wir verweisen übrigens auf den Artikel ״Die Jeschiwoth in Rußland“ im vorliegenden Hefte. Dort wird ebenfalls, wenn auch nur soweit es mit dem behandelten Thema zusammenhängt, über diesen Gegensatz gesprochen.