Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1916)
- Date
- 1916-02-01
- Page
- Seite 73 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Deutschland und die Ost juden frage. nur zwei: Luiser Wonnenblum und Dovidl Morgenstern, die man als Lumpenkerle ansprechen könnte: auch dieser Ausdruck ist wohl zu stark. Aber sie treiben nichts anderes, als was jeder andere in ihrer nichtjüdischen Umgebung an ihrer Stelle tun würde, darüber läßt uns Franzos nicht im Zweifel. Und was endlich den finsteren fanatischen Sinn betrifft, der zu den bei Franzos in diesem Roman und sonst des öfteren mit Vorliebe ausgemalten Exzessen führt, so möchten wir Paul Harms, dem sich aus den ethnographischen Schilderungen des Dichters nur dieser Zug offenbart hat. fragen, ob er nicht Ludwig Ganghofers ״der Dorfapostel“ kennt. Wie da die edelsten Menschen, die Bekenner und Betätige!' christlicher Menschenliebe durch den Teufelsaberglauben ihrer Umgebung gemartert werden und nur durch Zufall dem Feuertode entgehen, das gibt ein so grausiges Bild von der Herzensroheit der gesamten Bevölkerung, daß dagegen alle noch so schlimmen Episoden in Franzos’ Ghetto als ein Idyll erscheinen. Und Ganghofer schildert eine zeitgenössische Begebenheit in einem oberbayerischen Dorf. Will Herr Paul Harms nun die gesamte Landbevölkerung Bayerns nach dieser Dichtung Ganghofers beurteilt sehen, soll ganz Bayern darum aus der Reihe der Kulturvölker gestrichen werden?! Denn vor allem: Selbst wenn wir Franzos noch so viel zugestehen, so darf doch nicht vergessen werden. daß das Ost- Judentum nicht eine kulturell einheitliche Masse bildet. Und für den. der sich die Mühe gibt. Franzos mit Aufmerksamkeit zu lesen, hat er sich auch darüber des öfteren und deutlich ausgesprochen. So heißt es im ״Pojaz“ (Anfang des 4. Kap.). ״Nun wechselt der Schauplatz dieser Geschichte; sie spielt nicht mehr in Barnow. sondern in Buczacz. Aber da dies gleichfalls ein erbärmliches galizisches Judennest ist und im selben Kreise, nur fünf Meilen von Barnow, liegt, so ist dies anscheinend kein großer Unterschied. Aber nur anscheinend, in Wahrheit trennt die Bewohner beider Städtchen die tiefste Kluft. Wohl sind sie gleich ungebildet, gleich arm, gleich mißachtet, wohl tragen sie die gleiche Tracht und beugen sich demselben Gotte, aber sie dienen ihm in grundverschiedener Weise.* ״Die Juden von Barnow sind Chassidim, Mucker und Schwärmer