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Jeschurun · 1916-02-01 · Heft 2 (Februar 1916) · p. Seite 72

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
3 (1916)
Issue
Heft 2 (Februar 1916)
Date
1916-02-01
Page
Seite 72 (sequence 8)
Language
German
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Deutschland und die Ostjudenfrage. 72 Bildung feindlichen Umgebung, wie es die jüdischen Bewohner seiner Heimatstadt sind, unglücklichen Beruf mit Einsetzung all seiner körperlichen und seelischen Kräfte vorbereitet und daran naturgemäß zugrunde geht. Paul Harms hat. wie aus seinem oben erwähnten Artikel5) sich ergibt, aus dem ganzen Roman nur den eifernden Rabbi und die Yerfolgungssucht der bildungsfeindlichen Chassidim behalten. Dabei ist der Roman in dem von ihm mitredigierten Blatte erschienen. Ein Beweis, wie flüchtig selbst geistig hochstehende und kenntnisreiche Schriftsteller lesen. Wie kann man nur diesen Roman lesen, ohne im Innersten ergriffen zu werden von der Art und dem Charakter dieser Menschen? Mag ihre Welt vom Standpunkt des Westeuropäers noch so sehr in Dunkel getaucht sein — und Franzos hat wahrlich nicht die Schatten gespart — sie ist durchleuchtet von unendlich viel Herzensgute und Herzensbildung, also von dem, was letzten Endes wahre Kultur ist. Der Vater Senders, Mendele der Schnorrer, und seine Pflegemutter Rosel Kurländer, der Heiratsvermittler Itzig Türkischgelb und seine Tochter Jütte, welcher Seelenadel gibt sich in ihnen kund, eine, wir möchten sagen, erhabene Schönheit hinter der häßlichen Hülle! Hier ist nicht der Ort. eine Analyse dieses Romans zu geben. Wir könnten im einzelnen zeigen, wie alle diese Gestalten, in dem, was sie liebenswert macht, echte Kinder des Ghetto sind, wie das einzig gebildete jüdische Mädchen, das uns entgegentritt, Malke, eine unsympathische Persönlichkeit ist, unsympathisch eben infolge dieser Bildung, die ihrem Verstand Nahrung bot auf Kosten des Herzens. Doch davon müssen wir absehen. Nur eins müssen wir unterstreichen : diese Menschen haben alles, was sie an sittlicher Erziehung genossen aus ihrer Religion, aus der Religion, wie sie ihnen das Ghetto des Ostjudentums bot; und solche Blüten hat dies Ghetto gezeitigt. Wohl, und die anderen Gestalten? Wir sehen eigentlich 4) Jeschurun III, S. 16.

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