Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1916)
- Date
- 1916-02-01
- Page
- Seite 71 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Deutschland und die Ostjudenfrage. ך\ bitteren Not der Nahrungssorgen das Volk des Buches geblieben sind, ohne staatlichen Schulzwang den geringsten Prozentsatz von Analphabeten aufweisen und bei denen ״rabbinische Gelehrsamkeit als einziger und höchster Adel gilt“ (״Halb-Asien“ V S. 152). All das wird nirgends ausführlich von Franzos behandelt oder gar besonders unterstrichen. Er schildert z. B. eine Fahrt in Südrußland und daß man da gut tut, einen jüdischen Kutscher zu nehmen. Der nichtjüdische ist fast immer betrunken. Von einem rumänischen Burschen erzählt er, daß er ihn auf einer elenden Station dreißig Stunden aufgehalten hat, weil er aus seinem furchtbaren Rausche nicht zu erwecken war. Und von dem jüdischen Kutscher hören wir, daß er seinen Zitatenschatz unaufhörlich hat auf ihn regnen lassen. Nun, bedarf es zur Illustrierung des Kulturzustandes der jüdischen und nichtjüdischen Bevölkerung mehr als dies Bild der beiden Kutscher. Der eine dumpf und stumpf und fast immer berauscht. Und der andere ebensowenig ״westeuropäisch gebildet“, für den die Lehre, die Erde drehe sich um die Sonne, eine arge Ketzerei (vgl. ״der Galilei von Barnow“ in ״Aus der großen Ebene“ B. I S. 122 ff.), der aber den Fahrgast mit der Exegese von Bibelstellen und angewandten Talmudaussprüchen unterhält.“ Aber es bedarf gar nicht der Kenntnis all der Werke von Karl Emil Franzos, um, wenn man völlig ununterrichtet ist, einen ungefähren Einblick in den intellektuellen und ethischen Zustand des Ostjudentums zu gewinnen. Ein einziger Roman genügt, ״der Pojaz“; in ihn hat Franzos auch alle Motive verflochten, die er sonst behandelt, und alle Gestalten auftreten lassen, die er als Typen in besonderen Darstellungen gezeichnet. Es ist freilich ein Tendenzroman, und man darf ihn ebensowenig mit den Scheuklappen antisemitischer Vorurteile, wie mit denen einer ״liberalen“ Weltanschauung lesen. Er behandelt das Martyrium eines jungen Menschen, der durch Vererbung zum Komödianten geboren ist und sich zu diesem nach den Anschauungen einer jeden gut bürgerlichen Familie und nun gar einer so weltfremden und der westeuropäischen