Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1916)
- Date
- 1916-02-01
- Page
- Seite 70 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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70 Deutschland und die Ostjudenfrage. schäften rings umher oder höchstens nur insofern mehr, als die Ostjuden so sehr am Kleinhandel beteiligt sind und die diesem Berufe eigentümlichen Vergehen und Verbrechen darum auch bei ihnen besonders stark hervortreten. Aber welche treffliche Eigenschaften treten uns entgegen: Welche Elternverehrung, welche Kindesliebe, wie sittlich rein das Familienleben trotz aller nach westeuropäischen Begriffen .,unsittlichen“ Art der Eheschließung. Wie ernst die Lebensführung, wie zäh das Streben nach dem gesteckten Ziel! Und was für Gestalten sind Moses Freudenthal ״Der Shylock von Barnow~ (Die Juden von Barnow“ 8. Aufl. S. 1—45), ״Die zwei Fetter“ ebds. S. 95—111), Esterka Regina (ebds. S. 169—213), ״Mein Onkel Bernhard״) ״Vom Don zur Donau“ 2. Aufl. S. 179—202)1). Und nun gar die intellektuelle Begabung und der Umfang des tatsächlichen Wissens! Ein so erbitterter Gegner des talmudischen Judentums Franzos ist, wider seinen Willen tritt ihm immer das Lob dieses Menschen auf die Lippen, von Menschen, die unter dem furchtbarsten politischen Druck und in der J) Charakteristisch für den Kulturzustand eines Volkes ist vor allem die Stellung der Frau. Franzos steht auch hier den Ostjuden als echter Westeuropäer gegenüber. Er ist sehr unglücklich darüber, daß sie nicht ״wie die Christen die Liebe kennen“. Immer und immer kehrt die Klage über ״die UnSittlichkeit der Eheschließungen, die vorgenommen werden, ohne daß sich die Eheschließenden kennen und lieben gelernt“ wieder. Es ist bei ihm ein viel behandeltes Motiv. Um so schwerer fällt ins Gewicht, daß er fast ebenso oft die Reinheit der jüdischen Ehen und die gute, ja von Zartsinn erfüllte Behandlung der jüdischen Frau zu rühmen weiß. Und wir können es uns nicht versagen, eine Stelle hier anzuführen, in der er von dem Gegenstück, von der Behandlung der Frau bei den anderen Völkerschaften Halb-Asiens redet: ״Ich lernte in der Bukowina einen jungen reichen Bauer kennen, der an Begabung und Bildungsstreben turmhoch über seinesgleichen stand. Er sprach etwas deutsch, las und schrieb fertig seine Muttersprache, war auf ein landwirtschaftliches und politisches Wochenblatt abonniert, hielt seine große Wirtschaft ausgezeichnet im Stand, förderte die Schule seines Dorfes, hatte sein blühendes, prächtiges Weib gewiß sehr lieb., aber er prügelte es doch recht häufig und ausgiebig, wenn er einen Grund dazu zu haben glaubte oder auch ohne diesen. (״Frauenleben in Halb-Asien“ in ״Aus der großen Ebene“ Band II, S. 194 f.)