Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1916)
- Date
- 1916-02-01
- Page
- Seite 67 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Deutschland und die Ostjudenfrage. 67 forschung der Kultur und Sitten all der verschiedenen Volkerschäften des Ostens und unter ihnen auch der Ostjuden geweiht, der unter ihnen aufgewachsen ist und Jahr für Jahr ihre Länder durchwandert hat und nicht nur mit den Augen des kühl abwägenden Forschers ethnographische Studien getrieben, sondern auch mit dem Herzen des Menschenfreundes all ihre Leiden und Freuden mitempfunden und mit der intuitiven Begabung eines echten Dichters in das Wesen der im wirren Durcheinander ihn umbrodelnden Erscheinungen ge- -drangen. Karl Emil Franzos hat uns in sechs Bänden ״Halb- Asien״ geschildert und in einer Reihe von Romanen und Noveilen dasselbe Thema erörtert. Er war Jude, aber die Arbeit seines Lebens widmete er mit völlig gleicher Kraft den anderen unterdrückten Völkern des Ostens, und kein Kenner seiner Schriften wird sagen können, daß er z. B. die Ruthenen nicht mit gleicher Liebe geschildert wie die Juden, ja oft will es uns scheinen, als ständen sie seinem Herzen näher. Er war ein Todfeind des Chassidismus und ein heftiger Gegner der überlieferten Formen des Judentums, wie das aus unzähligen Stellen seiner Werke hervorgeht. Wenn also ein Anhänger dieser Formen in dieser Zeitschrift Franzos als Zeugen für das Ostjudentum bemüht, so ist er über den Verdacht erhaben, als wollte er einen Parteigänger für sich sprechen lassen. Karl Emil Franzos ist aber auch nicht nur deshalb ein objektiver Beurteiler, weil er mit dem Herzen allen jenen Völkerschaften gleich nahesteht, auch sein Wissen von den Gesetzen und Bräuchen der Juden ist genau so groß oder, wenn man will, genau so gering wie von dem irgendeiner anderen Völkerschaft, die er schildert. Das scherzhafte Wort von dem, dessen Urteil durch Sachkenntnis nicht getrübt ist, enthält nämlich eine sehr ernsthafte Wahrheit. Dem, der ״die Sache“ durch eindringende Kenntnis beherrscht, droht die Gefahr, daß er alles im Lichte der Grundideen dieser Sache sieht, daß er nicht selbst die Sache beherrscht, sondern von ihr beherrscht wird und das Gesamturteil, das er auf Grund 5*