Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1916)
- Date
- 1916-01-01
- Page
- Seite 19 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2292929-2292955-2292957--01145-2294395- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Deutschland und die Ostjudenfrage. 19 Es kann Deutschlands Interesse unmöglich sein, die Juden in Nationalpolen zu verwandeln. Darüber ein Wort zu verlieren, erübrigt sich. Millionen neue Polen zu schaffen, die durch ihre Intelligenz, ihre Regsamkeit und ihre Zähigkeit doppelt und dreifach zählen würden, das scheint uns der Gipfel der Torheit. Es kann aber ebensowenig in Deutschlands Interesse liegen, diese Juden restlos zu germanisieren und sie dadurch in einen verschärften Gegensatz zu den Polen zu bringen. Wir reden gar nicht von dem Interesse der Juden, die doch mit den Polen zusammen leben müssen. Es wird das Lebensinteresse der deutschen Vormacht immer bleiben, jede Verschärfung des Nationalitätenstreites zu verhindern. Naumanns „ Mitteleuropaeröffnet sicher eine zu weite Perspektive. Aber an der Grundidee des Buches ist nicht zu rütteln. Die Zukunft, ja der Bestand Mitteleuropas und damit Deutschlands hängt davon ab, ob es gelingt, die gegenseitige Duldung der durcheinander gestreuten Nationalitäten durchzusetzen. Bleiben die Juden ihrer Eigenart im wesentlichen getreu, so wird der Gegensatz zum mindesten nicht vertieft. Vergessen wir doch nicht, daß Jahrhunderte hindurch Polen mit Juden einträchtig zusammen gelebt, daß kein geringer Teil der Pchuld uer jetzigen antisemitisch - polnischen Bewegung auf die Machenschaften der Russen zurückgeht und daß immerhin schon viel gewonnen wäre, wenn wir es ausschließlich mit dem — freilich unendlich schwierigen — wirtschaftlichen Problem zu tun hätten. Das ist das Ziel, in dem sich wiederdas Interesse Deutschlands, das eines großen Teils der Ostjuden, ja des Gesamtjudentums begegnen. Die Mittel zur Erreichung dieses Zieles oder wenigstens das Hauptmittel näher anzugeben, soll die Aufgabe des folgenden Aufsatzes sein. J. W. 2*