Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1916)
- Date
- 1916-01-01
- Page
- Seite 18 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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i8 Deutschland und die Ostjudenfrage. wollen vor den Mächten, die dereinst über die endgültige Zukunft Polens werden zu bestimmen haben, den Nachweis führen, daß sie den Juden alle Rechte einzuräumen gewillt sind — — wenn diese nur so freundlich sind, sich selbst aufzugeben. Daß die jüdisch-polnischen Assimilanten einstimmen, ist schon weniger verständlich; aber das jüdische Selbstbewußtsein ist bei diesen so verkümmert, daß sie über die Hast, den Anschluß zu gewinnen, ihr Judentum und das Lebensinteresse der jüdischen Masse völlig vergessen. Daß aber auch viele liberale Juden Deutschlands so denken — sie haben jedenfalls ihrem Wortführer Martin Philippson nicht widersprochen — ist der Gipfel der Unbegreiflichkeit. Wir setzen als selbstverständlich voraus, daß auch Philippson die Erhaltung des Judentums — eines Judentums, wie er es versteht — in Kongreßpolen will. Wir werden im folgen den Aufsatz näher darlegen, daß auch des Erstehen eines religionsgesetzlich so wenig betonten Judentums, wie es das deutsche liberale Judentum ist, in Kongreßpolen unter dem Banner der Assimilation nicht möglich ist. Aber inwiefern würde überhaupt durch die kulturelle Assimilation das jüdischpolnische Problem seiner Lösung näher gebracht? Im Gegenteil! Daß dies Problem in aller erster Reihe ein wirtschaftliches ist, daß die Bildung des neuen polnischen Mittelstandes es so scharf zugespitzt hat, ist männiglich bekannt. Eine beschleunigte kulturelle Ausgleichung der beiden streitenden Parteien würde es ja nur verschärfen! Wir gehören nicht zu „jenen Glücklichen, die eine mathematische Formel für die Lösung zur Hand habenw. Aber das eine können wir wohl als sicheren Faktor einstellen: Deutschland wird — unter der Voraussetzung eines entscheidenden Sieges der Zentralmächte — einen bestimmenden Einfluß auf die Verwaltung Kongreßpolens ausüben, es wird zum mindesten seiner Erfolge nur dann froh werden können, wenn es an seiner Seite kein Staats wesen hat, das ihm ausgesprochen feindlich gesonnen ist. Damit ist das Ziel seiner Politik, die es vor allem in der jetzigen Übergangszeit gegenüber den polnischen Juden einzuschlagen hat, u. E. festumgrenzt.