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Jeschurun · 1915-12-01 · Heft 12 (Dezember 1915) · page 60

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
2 (1915)
Issue
Heft 12 (Dezember 1915)
Date
1915-12-01
Page
– (sequence 60)
Language
German
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;88 Bilder ans Littauen. iS .Leben. Mein Wirt: ,.Wir haben das Kommen der Deutschen ersehnt. Haben uns doch die Russen ohne allen Grund vorgeworfen, wir schickten das Gold nach Deutschland, wir leisteten den Deutschen Spionagedienste, wir versteckten die Lebensmittel, das Federvieh für die Deutschen. Man hat unsere Besten auf bloßes Gerede irgend eines Bauern, einer .Dienstmagd ohne Untersuchung geprügelt, nach Sibirien verschickt oder gar erschossen, hat unsere Wohnung ausgeraubt, unsere Häuser verbrannt. Ja wir waren froh, als mit den Deutschen die Sicherheit für die Erhaltung unseres Lebens in die Stadt einzog. Wenn wir aber sehen, wie in jeder Hinsicht das Erwerbsleben der Deutschen ein anderes ist. als wir os gewöhnt waren, da bangt uns für die Zukunft. Wenn der Russe eine solche Brücke, wie sie jetzt von einer halben Kompagnie Soldaten gebaut wird, ausführen wollte — auch in der Kriegszeit — da kam erst der Oheringenieur, verhan- (leite mit zwanzig Unternehmern, die ihn mit dem vorausgesetzten ,,Händedruck** begrüßten und sieb mit dem verabredeten .,Händedruck** verabschiedeten. Und die zwanzig Unternehmer brauchten Unterunternehmer, und diese Meister und diese Arbeiter. Das Geld rollte schon, bevor der erste Spatenstich geschehen Avar und die ganze Stadt lebte von dem einzigen Brückenbau ein ganzes Jahr lang. Da sind die Forts umgebaut worden. 1911 hat man damit angefangen, in einem halben Jahr sollte die Arbeit fertig sein. Noch drei Tage, ehe die Deutschen nach Grodno kamen, hat man gebaut, hat man Stein und Sand geliefert, hat man Fuhrwerke gestellt. Der General hat gelebt, der Ingenieur hat gelebt, der Unternehmer hat gelebt und der Jude hat gelebt. Und heute, alles machen die deutschen Soldaten, alles zum Bau wird requiriert. Die Stadt merkt gar nichts vom Bau, hat nichts davon. Wie soll das werden? Wie sollen wir uns so schnell an die neuen Verhältnisse gewöhnen, unser Erwerbsleben auf ganz andere Basis stellen können? Und was wird die Folge sein, wenn wir in die durch die Jahrzehnte anerzogenen Fehler zurückfallen werden?u — — — —

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