Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1915)
- Date
- 1915-12-01
- Page
- – (sequence 59)
- Language
- German
- Belongs to
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Bilder aus Littauen. Kein Schuß unterbricht das Wehklagen der Menge. Hoch in den Lüften begleitet eine deutsche Taube den Zug, keine Bombe stört das Weinen der Männer und Frauen. — Grodno blieb damals verschont, blieb auch fast ganz verschont als am 8. September im heftigen Straßenkampf die Deutschen ihren Einzug in die Njemenfestung und Stadt hielten. Gerade noch rechtzeitig, um deren Verwüstung durch das Kosakenbrennkommando zu verhindern. In Grodno weiß man jetzt wieder, daß das Gebet eines Zaddik Gehör findet• vor dem ewig gerechten Richter. Ich gehe mit meinem Quartierwirt durch die Straßen, vorbei an den echt russischen, zum großen Teil noch hölzernen Häusern. Jeder zweite Laden, jede Parterrewohnung ist zur Teestube geworden. Alle die Kaufleute, denen der Warenbezug abgeschnitten ist. die Handwerker, deren Gewerbeausflihrung durch den Krieg unterbunden ist. fristen kümmerlich ihr Leben durch die Groschen der deutschen Soldaten, die sie für Tee, Kaffee und fast ungenießbaren ״Kuchen" übrig haben. Eine ewige Quelle des Vorwurfs über die ,,ausnntzenden, Wucherpreise erzielenden Juden". Wir kommen zu den zerstörten Brücken. Die frühere Eisenbahnbrücke 35 m über dem Wasserspiegel an 500 m lang, von einem Franzosen gebaut. Der ganze Mittelteil liegt im Njemen, jeden Verkehr hindernd. Die erst 6 Jahre alte, ganz aus Eisen gebaute Personenbrücke. Geborstene Pfeiler, verbogene Streber, ein Chaos von Schienen. — Daneben dicht über dem Wasser die von unseren Pionieren gebaute hölzerne Jaeobibrücke, über die in ununterbrochenem Zuge die schweren Lastautos. Trainkolonnen rasseln, Fußtruppeil, Gefangenentransporte. Panjewagen und Fuhren jüdischer Händler daherkommen. Neben der Bahnbrücke wird eine Notbrücke zur Fortsetzung der Bahn von Pionieren aufgeführt. Sichtbar schreitet die Arbeit fort, beachtet und begutachtet von vielen Müßiggängern. Alle, auch meine Begleiter sind einig in der Bewunderung der Tüchtigkeit und des Könnens unserer Soldaten. Aber neben der Bewunderung steht die Angst ums