Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1915)
- Date
- 1915-12-01
- Page
- – (sequence 36)
- Language
- German
- Belongs to
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564* Bibel ־und Dichtung. sie sich dem Höchsten weiht, wenn sie לשם שמים vollbracht1), so jeder Dienst im Reiche des Geistes. Wohl ist es schwer im Hinblick anf die mannigfachen Versuche, die den göttlichen Ursprung der Lehre erweisen wollen, ein Gefühl der Unbefriedigtheit zu unterdrücken — und dennoch! Wenn der Nachweis gelingt, daß die Höhen im Faustdrama, zu denen die Kulturwelt unserer Tage als Gipfel höchster Lebensweisheit emporschaut, ihre Quelle haben im Weltenbuche Israels, und daß der Genius sein Bestes aus diesem Buche geschöpft, — sollte diese Wahrheit nicht ein berechtigtes Stolzgefühl in der Brust des seiner Tradition ergebenen Juden wecken dürfen? Und wenn wir zeigten, daß de י Dichtung Hochgedanke sich in der Tragödie erst als Blüte eines mehrtausendjährigen Aufstieges entfalten konnte, während die gleiche Idee fast selbstverständlich vor Jahrtausenden schon im Munde der jüdischen Weisen lebte, sollte dieses Ergebnis nicht noch zu tieferer Betrachtung Anlaß geben? Alle Zweige des geistigen Lebens werden in der Gegenwart nach dem ״Urgesetz״ der Entwickelung erforscht undbel euch tet: einDogma, daß in der physischen wie in der geistigen Welt ein Höheres nur nach Überwindung des Niederen möglich sei. Unnötig, unseren Lesern die Gefahren zu zeichnen, die dem religiösen Leben aus dieser Lehre drohen, wenn sie als unumstößliche Wahrheit von allen Erscheinungen des Werdens und Seins Unterwerfung heischt. Unddie Aussicht, auf dem Gebiet des ethischen Denkensund Handelns die Macht des Entwickelungsgedankens zu erschüttern, dürfte unserem Streben einen gewaltigen Antrieb verleihen. Ein Beispiel möge auch hier unsere Ausführungen klären und stützen. Es ist bekannt, daß Schiller auf dem Gebiet der Gedankenlyrik in ״unerreichter Herrschergröße“ thront. ״Seine philosophischen Gedichte leuchten mit besonderem Glanze wie seltene Juwelen unter dem Kronschatz deutscher Dichtung und die gesamte Literatur der Erde vermag, nach dem Urteil der besten ג) Vgl. Lazarus Ethik I 109 ff.