Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1915)
- Date
- 1915-12-01
- Page
- – (sequence 35)
- Language
- German
- Belongs to
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Bibel und Dichtung. 563 Ein zweiter Einwurf wendet sich gegen die innere Berechtigung unseres Prinzips. Die Darstelllung der Bibel, so betont man mit liecht, fußt auf absoluter Wahrheit, ist gegründet auf historischer Realität. Das Reich der Dichtung, der Phantasie entsprungen, ruhet, auf schwankendem Grund. Man verbinde nicht sorglos diese beiden Welten und erwecke im Herzen des Lesers nicht Zwiespalt und Zweifel. Wir verkennen das Gewicht solcher Darlegungen nicht, ebensowenig die Folgen, die aus einer irrigen Auffassung entstehen. Wir wissen: ,.Die Prämissen der Religion müssen der WTahrheit entsprechen, sonst fallen ihre Folgerungen und Verpflichtungen“1). Sie kann ihren hohen Zweck, die Menschen zum heiligen Erdenwirken emporzuführen, nur erfüllen, wenn alle ihre Voraussetzungen wirklich und wahrhaftig sind; die Dichtung wird ihre veredelnde Kraft auch üben, wenn ihre Grundlage sich auf Illusionen stützt. In der Betonung dieses Gegensatzes liegt nach u. E. das beste Mittel einer deutlichen Trennung. Nur in der Unklar־ heit birgt sich Gefahr, niemals im offenen Bekenntnis. Aber bedarf es auf diesen Blättern erst der Erinnerung an ראשית הבמה יראת ה' (Ps. 111.10)? Und der positive Gewinn unseres Strebens? Vom Standpunkt der modernen Wissenschaft eine verletzende Frage, in der Theorie wenigstens. Wie man hier keine Schranke, auch des Glaubens nicht, will gelten lassen, so fragt man nicht nach Zweck und Ziel der Forschung. Und wir? Wenn wir das Weisheitswort unseres weisen Königs 'תרז^ה הבמה יראת ה (Mischle 9.10) dahin verstehen, daß die Vor aus Setzungen der Forschung in der Gottesfurcht ruhen, so mag das in diesem Sinne angeführte Psalmwort auf das Ziel jüdisch wissenschaftlichen Strebens deuten. Denn wie jede unserer Handlungen, sei ihr Motiv und ihr Zweck noch so edel und rein, an Höhe und Heiligkeit gewinnt, wenn 1j S. Kaatz; ״Das Wesen des prophet. Judentums“ S. 4 f. 37*