Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1915)
- Date
- 1915-12-01
- Page
- – (sequence 32)
- Language
- German
- Belongs to
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560 Bibel und Dichtung. Unkenntnis des höchsten Schatzes, der die Menschheit beglücken sollte, ihre Tage dahinleben. Um wieviel beneidenswerter ist die Lage der Dichtung. Welcher Gebildete ist nicht schmerzlich berührt, wenn eine Lücke in der Kenntnis unserer Klassiker sich enthüllt, wenn einer ihrer Kernspriiche sich seinem Gedächtnis entwunden hat. Und wie gering ist die Zahl derer, die heute schon fühlen, in welch hohem Maße die Bibel ihre schöpferische Kraft auf das Reich der Dichtung bewährt hat, die auch nur ahnend begriffen hätten, daß in dieser kaum eine Höhe erstiegen ist, die nicht begründet and gestützt, belebt und gefördert ist durch ein Wort oder Bild des Menschheitsbuches. Wir gestehen gern, daß wir nicht vorurteilslos die ganze Bedeutung dieses Einflusses zu bestimmen vermöchten. Von dem Glauben durchdrungen, daß bis zum ״Endziel der Tage*' aus Menschenhand niemals ein Werk entstehen wird, das an Kraft und Größe sich der Bibel nähert, berufen wir uns doppelt gern auf das nüchterne Urteil der "Wissenschaft. Sie. die auf dem Gebiete der literarhistorischen Forschung es als ihre vornehmste Aufgabe betrachtet, die Entwicklungsgeschichte der Ideen in vergleichender Betrachtung aufzuheilen, hat erst kürzlieh aus dem Munde eines ihrer bedeutendsten Vertreter offen ihre Ohnmacht zugegeben, ״den literarischen Einfluß des gewaltigsten Werkes des W elts ehr ifttuxns dar stellen zu könnend4 Denn vorerst muß es unmöglich־ erscheinen, die unermeßliche FüUe dessen, was Dichter und Denker aller Zeiten diesem Buch verdanken, erschöpfend darbieten zu können, und Einzel- Untersuchungen müssen das Werk der Zukunft vorbereiten helfen 1). Auch wir glaubten mit unserer bescheidenen Kraft einen Stein 5:0 diesem Bau hintrage 11 zu müssen, angeregt durch ein Programmwort des verewigten Preuß זצ״ל an die akademische Jagend, in ihren Wissenszweigen den Verbindungsweg zur jüdischen Geisteswelt mehr und mehr zu erschließen, eine Mahnung, die er selbst in seinem epochalen Werke zur Tat bat reifen lassen. l) Yergl. L. Betz, Litteratuxe comparee.