Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1915)
- Date
- 1915-12-01
- Page
- – (sequence 31)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2292929-2292942-2292954--01085-2294334- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Bibel md Dichtung. 559 Bibel und Dichtung1)« Von Oberlehrer Dr. Leo Deutsehländer. Berlin. In jenen Tagen, da der Streit um .,Bibel und Babel“ seine höchsten Wellen schlug, warf ein völlig unbefangener Gelehrter die Frage auf. warum sieh wohl ״die babylonische Gottesauffassung nur in geborstenen Steinbruchstücken“ erhalten konnte, während sieh die biblischen Gestalten und Ideen in ihrer unvergleichlichen Kraft und Glut ״als schöpferisches und herzbewegendes Ganze“ durch die Jahrtausende hindurch bis zur Gegenwart entfalten durften. ״Weil im Alten Testament“, so lautete die Antwort, ״das Göttliche gegenwärtig ist und von genialen Menschen in höchster Konzentration aller Willensmachte erfaßt wurde. Darum empfindet auch der Mensch, der nicht verbildet ist. daß er hier eine Schöpfung vor sich hat, die ungleich aller anderen Literatur durch glüht ist von jenem Geist des Lebens, der im Weltbeginn ״über den Wassern schwebte“. Die babylonische Welt möge ihr Dasein fristen in der Trümmerwüste, ohne fortzeugendes Leben, dort, wo man sie lesen kann ohne Herzklopfen. Man lese aber Psalmen und Propheten, und man hat das Gefühl, als gehörten all diese Worte mit Flammenschrift an den Himmel geschrieben.“2) Wie nach dem Babeltaumel die Menschheit erkannte, daß einem Irrtum sie gehuldigt, als sie in Babel die Lichtquelle für Bibel sah. so wird auch die Zukunft lehren, daß aus dem Strahlenglanz der Bibel die Dichtung ihr edelstes Licht empfing. Und dennoch! Wenn der Chor solcher Stimmen ein immer höheres Echo gewinnt, wenn in der Gegenwart zumal in volltönigem Akkord das hohe Lied des Bibelwortes erklingt, wir verkennen trotzdem nicht die bittere Wahrheit, daß nur wenige seinen wahren Wert erkannt haben, die Massen in ג) Der Aufsatz ist der Kürze halber so benannt. Er war als Kachwort für die Artikelreihe bestimmt, in der wir die Bedeutung der Bibel für Goethes ״Faust“ zu würdigen suchten. Wir veröffentlichen ihn jetzt schon, um einige prinzipielle Fragen zur Klärung zu bringen, bevor ein letzter, ebenfalls in sieb geschlossener Teil erscheint. 2) Fr. Förster, Jugendlehre S. 112 f.