Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1915)
- Date
- 1915-12-01
- Page
- – (sequence 33)
- Language
- German
- Belongs to
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Bibel und Dichtung. 561 Warnungsrufe von Freundesseite ertönen auf unserem Pfad. ״Die heilige Schrift duldet weltliche Dichtung nicht neben sich, ihre ehrwürdigen Gestalten wollen, dürfen nicht schreiten neben den Phantasieprodukten von Sängern und Po״ eten“. Bestimmter: eine Gegenüberstellung von Faust und Moses verletzt das jüdische Empfinden. Diesem Einwand zu begegnen, der wesentlich Regungen des Gefühls entwachsen ist, sei am besten auf das Vorbild der alten jüdischen Weisen verwiesen. Wir wählen ein Beispiel. An die Worte der Schrift, in welchen Gott selbst seinem treuen Diener das Zeugnis seiner unerreichten Größe ausspricht: ולא קם נביא עוד בישראל במשה, an diesen Vers fügt der ספרי den bekannten Vergleich zwischen der prophetischen Kraft eines משה und der Sehergabe des heidnischen Bileam und schreckt in keiner Weise vor einem wertenden Vergleich zurück. Wenn also die Väter, die in ihrem Fühlen und Denken doch völlig in der Welt der תורה lebten, ohne Scheu eine solche Parallele gewagt haben, so dürfen wir Enkel ihnen unbedenklich folgen. Immerhin, so mag man auchferner entgegnen, ist Bileam eine Gestalt, die in der Bibel wurzelt und in ihr ihren Platz gefunden hat; die Geistesfürsten der Völker jedoch, deren Helden wir in die biblische Gedankenwelt führen wollen, sind fremdem Boden entwachsen. Allein, niemals hat das Judentum in enger Umgrenzung seines Gesichtskreises den Blick nur auf die Höhen gelenkt, die seinem Volkstum entstiegen, nie, wie das griechische Volk in stolzem Eigendünkel die Geisteswerte anderer Nationen mißachtet, nein, dankbar hat unser Volk die erhabene Größe auch nichtjüdischen Geistes erkannt und gepriesen. In unvergleichlicher Klarheit hat Samson Raphael Hirsch am Vorabend des Schillerfestes (1859) diesem Gedanken sein Wort geliehen. ״Wenn der Genius lebend unter uns träte, aus dessem geistigen Vermächtnis unsere jungen Freunde uns so״ eben einige schwache Echos entgegenbrachten״, so bub der Redner an, nachdem die Lieder des Dichters verklungen, ״wenn wir Schiller, als Juden und Jüdinnen begegneten: Dann würde die Weisheit unserer Väter uns lehren, ihn mit dem 37