Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1915)
- Date
- 1915-12-01
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Deutsche Treue und jüdische Treue. 545 deutsche Treue, so auch bei den Juden. Sie waren in uralten Zeiten Bauern und damals sicherlich nicht beweglichen Geistes. Sie wurden dann Händler mit allen Tugenden und Fehlern dieses Berufes. Man schränkte ihre Bewegungsfreiheit immer mehr ein und sie wurden Geldverleiher, man gab ihnen Spielraum und sie wurden die Begründer der Weltwirtschaft. Man bedrückte sie, und sie wurden die kriecherischen Hausierer, man lockerte den Druck, und es erstanden die ihres Wertes sich bewußten Großkaufleute und Gelehrten. Was aber war der Jude überall und immer, nun mehr als zwei Jahrtausende? Was sind die Juden noch jetzt — wohlgemerkt die Juden in ihrer überwiegenden Zahl, die allein berechtigt sind, das Judentum darzustellen, nicht der dem Judentum entfremdete Teil, der ebensowenig für das Judentum in Betracht kommt wie der halbgebildete Großstädter vor dem Kriege für den Deutschen. Was war der Jude? — Er war treu! Und wiederum: Bedarf es da noch fernerer Beweise? Was ist der eigentliche Inhalt der ganzen jüdischen Geschichte? Des großen Teils, der klar und unzweifelhaft uns vor Augen liegt. Es ist das wunderbare Schauspiel einer in diesem Umfang, in dieser Ausdauer, unter solchen Opfern von keinem Volke bewährten Treue. Wie armselig ist doch die jüdische Geschichte, wenn man diesen Maßstab außer Acht läßt. Was sind ihre Staatsmänner und Helden, ihre Denker und Dichter, ihre Erfinder und Entdecker, gemessen an dem, was die nichtjüdische Welt während dieser Zeit hervorgebracht? Und was ist ihre politische Geschichte? Eine ununterbrochene Aufeinanderfolge von Qualen und Mühseligkeiten, durch die eine Entwicklung zum Höheren nicht gefördert wurde. Aber welche Höhe, von keinem Volke erreichte Höhe, erblicken wir, wenn wir uns vor Augen halten, daß diese furchtbaren Verfolgungen, jene unaussprechlichen Leiden, das ruhelose Wandern, jenes nie erhörte Schicksal eines Volkes in dem Augenblick geschwunden wäre, wo es — wie Jehuda Halevi das ausdrückt — einen einzigen Satz ausgesprochen und daß es diesen Satz von irgend einem wesentlichen Bruchteil nie und nirgends hat aus- 36