Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1915-12-01 · Heft 12 (Dezember 1915) · page 16

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
2 (1915)
Issue
Heft 12 (Dezember 1915)
Date
1915-12-01
Page
– (sequence 16)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2292929-2292942-2292954--01070-2294319
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

544 Deutsche Treue und jüdische Treue. verbindet. Dadurch, daß aber von der Wiege bis zur Bahre tagtäglich von dein Augenblick, wo der Jude sich erhebt, bis zu dem, da er sich niederlegt, alle seine Regungen und Handlungen unter die Pflichten des Religionsgesetzes gestellt sind, dadurch, daß diesem ununterbrochenen Einfluß jeder fromme Jude an der Donau und a-11 der Themse, am Rhein und an der Weichsel, am Hudson und an der Wolga unterliegt, dadurch daß diese Gesetzesübung in gleicher Form unzählige Generationen, eine der anderen, überliefert haben, dadurch und nur dadurch wird ein Gegengewicht gegen die assimilierenden Kräfte geschaffen und die Möglichkeit geboten, trotz der außerordentlichen Wesensverschiedenheiten, die der Aufenthalt unter den verschiedenen Völkern den Juden getrennter Länder aufgeprägt, ihnen ein gemeinsames Charaktermerkmal zuzusprechen. So ist das Judentum nicht nur Judentum, sondern auch Judenheit, es ist eine Nation, aber national eben nur insofern, als es das Religionsgesetz hochhält. Der Jude, der nicht mehr ein religiöser Jude, kann für sich und seine Nachkommen nie mehr ein Gegengewicht schaffen gegen die alles nivellierenden Einflüsse, die aus der nichtjüdischen Umgebung sich geltend machen. Was ist nun aber das Charaktermerkmal, das dem Juden als Juden eigen ist. Es wird der Charakterzug sein, der in jeder Zeit und überall zutage getreten ist. Wir gehen hier denselben Weg wie oben bei den Deutschen. Wie dem Deutschen nicht das selbstlose Denken und Dichten ureigentümlich ist, denn die alten Germanen lagen bekanntlich ״auf Bärenhäuten und tranken immer noch eins“, wie nicht der Freiheitssinn herangezogen werden kann, denn es gab Zeiten, in denen Kriecherei, Unterwürfigkeit, Würdelosigkeit bei den Deutschen mehr als bei anderen Völkern zu finden waren, wie alles, was heute als ,.deutsches Wesen“ gepriesen wird zum Teil auf Selbstverherrlichung beruht, zum Teil nur von bestimmten Perioden der deutschen Geschichte gilt, wie aber andrerseits immer und überall das eine Merkmal hervorleuchtet: die

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.