Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1915)
- Date
- 1915-12-01
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Deutsche Treue und jüdische Treue. 539 II. Gibt es eine Möglichkeit, den Juden in gleicher Weise zu charakterisieren, wie dies soeben von dem Deutschen geschehen? Haben wir uns nicht den Weg dazu selber dadurch abgeschnitten, indem wir das Judentum eine Religion nannten? TJm das Ergebnis gleich vorweg zu nehmen: Es wird uns gelingen, wenn wir unter Judentum das verstehen, als was es seit seinem Eintritt in die Geschichte galt und wie es von dem überwiegenden, weit überwiegenden Teile seiner Bekenner noch jetzt angesehen wird, wenn wir unter ihm das ge setz estreue Judentum verstehen. Es ist bekannt, daß im letzten Menschenalter zwei andere Auffassungen vom Judentum aufgetaucht, die des National- Judentums und die des liberalen. Sowohl die Vertreter des liberalen Judentums wie die des nationalen bilden nicht völlig geschlossene Gruppen, sind sich über viele Punkte nicht einig. Viele Nationaljuden machen Anspruch darauf als durchaus konsequente Bekenner des gesetzestreuen Judentums angesehen zu werden und folgen auch in Anerkennung seiner Lehren und in der Befolgung seiner Pflichten treu seiner Fahne. Und eben־ so glauben viele Männer, die in ihren philosophischen Grund- Sätzen die konsequentesten Verkünder der Ideen des liberalen Judentums sind, ״konservative Juden“ zu sein, wie könnten sie es sonst unternehmen, in religiösen Fragen so oft als Sprecher der Gesamtheit der deutschen Juden aufzutreten. Aber wir haben es hier nicht mit den Unklarheiten und Zugeständnissen einzelner Gruppen zu tun, sondern mit den Grundgedanken des liberalen und des Nationaljudentums. Und diese Grundgedanken gipfeln in dem Gegensatz: Hier Judentum und dort Judenheit. Für den liberalen Juden ist das Judentum nur Religion, Religion genau in demselben Sinne wie das Christentum, eine Summe von Überzeugungen über Gott und Welt, die freilich Siegerkranz“ nur die offizielle. Es hat mich besonders gefreut, diesen Gedanken auch von Wundt in dem schon erwähnten Buche: ״dieNationen und ihre Philosophie״ ausgesprochen zu sehen, der aus den N&tionalhymnen das Wesen der Völker ableitet.